Führt die Belebung am US-Arbeitsmarkt zu Inflation und höheren Zinsen? (Archiv )

Führt die Belebung am US-Arbeitsmarkt zu Inflation und höheren Zinsen?

Jack Malvey, der globale Chefstratege von BNY Mellon, teilt die Einschätzung von Hoey. Er weiß aber auch: „Es ist noch viel Luft im Arbeitsmarkt - das belegt die nach wie vor hohe Zahl der strukturell Arbeitslosen. Dem Aufschwung fehlt es an Kraft, denn die amerikanische Wirtschaft traut dem Frieden nicht recht, und die US-Regierung, die Staaten und die Kommunen haben ihr Ausgabenwachstum gedrosselt. Die Unternehmen in den etablierten Branchen fahren immer noch Sparprogramme, d.h. sie stellen entweder keine neuen Mitarbeiter ein oder kürzen sogar weitere Stellen.“ Unbeeindruckt von der Diskussion um die Schwäche oder Stärke der Erholung geht Malvey davon aus, dass das Beschäftigungswachstum die Arbeitslosenquote bis zum ersten Quartal 2015 unter 6% fallen lässt und dass dieses moderate Beschäftigungswachstum einen ebenso moderaten Druck auf die Löhne und die Kerninflation ausüben wird.

Der auf den Faktor Arbeit entfallende Anteil am US-Nationaleinkommen ist so niedrig wie seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr. Dementsprechend ist Hoey davon überzeugt, dass das effektive Arbeitsangebot in den USA „möglicherweise geringer ist als vermutet. Das hat verschiedene Gründe, so etwa den stärkeren Rückgang der kurzfristigen Arbeitslosigkeit im Vergleich zur Gesamtarbeitslosigkeit, das komplette Ausscheiden älterer Arbeitsmarktteilnehmer während der mehrjährigen Arbeitsmarktflaute und der Anstieg des effektiven mittleren Grenzsteuersatzes auf Löhne und Gehälter.“

Hoey geht davon aus, dass eine höhere Lohninflation sowohl im Sinne der Obama-Regierung als auch der breiten Öffentlichkeit ist. Und er fügt hinzu: „Die US-Notenbank wird eine allmählich aufwärts tendierende Lohninflation zunächst vermutlich begrüßen und dann tolerieren. Eine in verträglichem Maß schrittweise ansteigende Lohninflation würde zu unserer Erwartung passen, dass die USA nach einem eher schleppend verlaufenden Konjunkturaufschwung an einem Wendepunkt stehen und in den nächsten Jahren ein deutlich kräftigeres Wachstum verzeichnen werden.“

Malvey nennt weitere Gründe für einen nur allmählichen Aufwärtstrend. So drängen immer mehr Arbeiter aus den Schwellenländern auf den globalen Arbeitsmarkt, und die Produktivitätssteigerungen sowie die strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft haben die Inflation stärker in Schach gehalten, als angesichts der in den letzten sechs Jahren außergewöhnlichen geldpolitischen Impulse vielleicht zu erwarten gewesen wäre. „Der Arbeitsmarkt“, so Malvey, „spielt für die Inflation vermutlich eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind geopolitische Ereignisse, Energieschocks und das Wetter. Wie Russland, die Ukraine und jetzt der Irak gezeigt haben, besteht im Energiesektor durchaus die Gefahr von Angebotsengpässen. Ich sehe den Arbeitsmarkt eher als Spätindikator, was sich auch an früheren Konjunkturzyklen belegen lässt. Meistens ist die Beschäftigungsquote dann am höchsten, wenn der über das BIP und das Produktivitätswachstum gemessene Konjunkturzyklus den Scheitelpunkt erreicht.“

Die langsame Verknappung am US-Arbeitsmarkt sollte kurz- bis mittelfristig also vermutlich nur begrenzt Inflationsdruck aufbauen, doch letztendlich droht nach Einschätzung von Malvey dennoch ein Inflationsanstieg, wenn das Weltwirtschaftswachstum 2016/2017 vielleicht 4% erreicht. „2018, 2019 oder 2020 führt die heutige Geldpolitik wahrscheinlich zu höherer Inflation. Daher müssen die Notenbanker auf dem Weg in die Normalisierung der Geldpolitik äußerst umsichtig vorgehen. Wenn sie zu lange warten, könnten die Inflationserwartungen explodieren.“

Derweil scheinen die Entscheider zumindest ein gewisses Maß an Inflation eher zu fördern als zu bekämpfen. Hoey sagt: „Die Fed hat angekündigt, dass sie derzeit einen realen Leitzins (Leitzins minus Inflation) anstrebt, der zum Zeitpunkt der Vollbeschäftigung in der US-Wirtschaft deutlich unter dem historischen Durchschnitt liegt.  An diesem Plan wird sie vermutlich auch festhalten. Das heißt aber wohl, dass die Inflation in den kommenden Jahren sehr allmählich aber nachhaltig anzieht.“ 

Trotz der recht günstigen kurz- bis mittelfristigen Prognose warnt Malvey Anleger und besonders defensive aufgestellte Anleihenanleger, das strategische Inflationsrisiko und die Möglichkeit von Politikfehlern nicht zu unterschätzen. „Ich hoffe, dass die Normalisierung der Geldpolitik reibungslos verläuft“, meint er. „Da wir uns aktuell in einem geldpolitischen Zyklus befinden, wie wir ihn in dieser Form noch nie gesehen haben, lässt sich auch nur schwer eine genaue Vorhersage treffen, wie geschmeidig dieser Normalisierungsprozess vonstattengehen wird. Auf dem Weg dorthin könnte es bei maßgeblichen Kapitalmarktparametern immer wieder zu Phasen erhöhter Volatilität kommen.“

Dies stellt keine Anlageberatung dar. Aufsichtsrechtliche Hinweise

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