Die Straße vor uns (Archiv )

Bis vor kurzem hat man fahrerlose Fahrzeuge in der Regel noch als Fantasien aus Hollywood-Filmen abgetan. Tatsächlich arbeiten jedoch mehrere große US-Automobilhersteller bereits seit den 1940er Jahren an solchen Systemen und haben diese Technologie seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Inzwischen verfügen einige Fahrzeuge sogar bereits über semi-autonome Fähigkeiten – von bordeigenen Navigations- und Ortungssystemen (GPS) bis hin zu ausgefeilten Fahrer-Assistenz-Systemen („Advanced Driver Assistance Systems“, kurz ADAS) wie automatischen Einparkhilfen und Kollisionswarnprogrammen.

The Road Ahead

Mit vollständig autonomen Fahrzeugen – die auch als selbstfahrende oder fahrerlose Autos bezeichnet werden – können die Insassen von einem Punkt zum anderen fahren, ohne dass menschliches Eingreifen oder eine entsprechende Kontrolle erforderlich sind. Die Ursprünge der autonomen Fahrzeuge reichen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Seinerzeit entwickelten Automobilhersteller wie Ford und GM erste Prototypen, die sie dann auf Ausstellungen wie der Weltausstellung des Jahres 1940 präsentierten.

Seitdem hat der technologische Fortschritt – und zwar insbesondere in den letzten 10 bis 15 Jahren – dazu geführt, dass die Entwicklung autonomer Systeme immer schneller voranschreiten konnte. So haben die meisten bedeutenden Automobilhersteller ihre semi-autonomen Funktionalitäten weiterentwickelt und bringen diese mittlerweile auch in ihren Fahrzeugen zum Einsatz. Zu diesen Funktionen zählen beispielsweise der Abstandsregeltempomat, Systeme zur Überwachung des toten Winkels, Spurhalteassistenten und automatische Bremssysteme.

Um aber wirklich vollständig autonome Fahrzeuge zu entwickeln, müssen diese mit einer Reihe komplexer Technologien ausgestattet sein, von denen viele bereits existieren oder deren Entwicklung ebenfalls bereits recht weit vorangeschritten ist. Um eigenständig fahren zu können, müssen diese Autos außerdem mit einigen ausgeklügelten Geräten ausgerüstet werden. Dazu zählen das sogenannte LIDAR (eine Kombination aus Laser bzw. Licht und Radar), Sensoren, Kameras, GPS und vieles mehr, damit um das Auto herum eine Art „Pufferzone“ aufgebaut werden kann. Dieser sensorische Puffer ermöglicht dann auch eine Kommunikation entsprechend ausgestatteter Fahrzeuge untereinander (V2V) sowie einen Datenaustausch zwischen Fahrzeug und Infrastruktur (V2X). Beide Technologien sind nämlich grundlegende Komponenten, die für eine vollständige Autonomie von Fahrzeugen – insbesondere unter den Gesichtspunkten Sicherheit, Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit – unerlässlich sind.  

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Die Entwicklung fahrerloser Autos kann eine Reihe gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Vorteile mit sich bringen. So haben die Fahrzeuginsassen nicht nur mehr Zeit, um beispielsweise zu lesen, zu arbeiten und/oder zu entspannen. Darüber hinaus dürften die meisten Autofahrer durch die Nutzung autonomer Fahrzeuge wohl insbesondere von den wirtschaftlichen Vorteilen folgender Faktoren profitieren:

  • niedrigere Kosten im Zusammenhang mit Unfällen
  • eine höhere Produktivität
  • geringere Treibstoffkosten

Man geht davon aus, dass der Einsatz fahrerloser Autos einen Rückgang der Unfallzahlen zur Folge haben wird. Laut dem Versicherer Lloyd’s, der sich dabei auf eine Studie des Center for Internet and Society der Stanford Law School bezieht, sind nämlich rund 90% aller Verkehrsunfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen1.  Eliminiert man jedoch den Faktor Mensch beim Betrieb eines Kraftfahrzeugs, so werden die Unfallzahlen nach Einschätzung vieler Experten massiv zurückgehen.

Berechnungen von Morgan Stanley zufolge, welche die Kosten pro Unfall, die Kosten pro Todesfall sowie die geschätzte Zahl von Unfalltoten und -verletzten bei Verkehrsunfällen insgesamt berücksichtigen, belaufen sich die Kosten für Unfälle im Zusammenhang mit Kraftfahrzeugen allein in den USA auf insgesamt schätzungsweise 542 Mrd. US-Dollar im Jahr. Falls sich mittels autonomer Fahrzeuge tatsächlich 90% dieser Unfälle verhindern lassen würden, hätte dies jährlich Einsparungen in Höhe von rund 488 Mrd. US-Dollar zur Folge und würde außerdem pro Jahr etwa 36.000 Menschenleben retten.

Ein weiterer Vorteil fahrerloser Autos, der oftmals übersehen wird, ist die neue Mobilität, die diese Technologie älteren und behinderten Menschen bieten würde. Mit autonomen Fahrzeugen könnten diese Personengruppen ein unabhängigeres Leben führen, in dem sie in geringerem Maße auf andere angewiesen wären. Dadurch würde das Fahren im Alltag nämlich deutlich erleichtert werden. Außerdem würde diese Technologie auch das Selbstwertgefühl dieser Menschen stärken.

Von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet dürfte bereits die bloße Tatsache, dass die Nutzung fahrerloser Fahrzeuge ein Mehr an produktiver Zeit verspricht, positive wirtschaftliche Auswirkungen haben. So geht Morgan Stanley davon aus, dass mit Hilfe autonomer Autos innerhalb der US-Wirtschaft jedes Jahr letztlich mehr als 1,2 Bio. US-Dollar eingespart werden könnten. Dies entspricht rund 8% des US-BIP. Überträgt man diese Schätzung auf die globale Ebene, so würden sich diese Einsparungen auf insgesamt 5,6 Bio. US-Dollar pro Jahr belaufen2

Auch bei den Treibstoffkosten besteht in diesem Zusammenhang erhebliches Einsparpotenzial, weil die neuen Fahrzeuge in der Lage sein werden, ihren Kraftstoffverbrauch durch eine effizientere Fahrweise zu steuern. Zusätzlich verringert wird der Spritverbrauch auch noch durch die Weiterentwicklung von Antriebs- und Getriebetechnologien.

Bei all diesen Vorzügen handelt es sich zweifellos um viel versprechende Pluspunkte, die auch den Optimismus beflügeln, dass der Traum von fahrerlosen Fahrzeugen tatsächlich Wirklichkeit werden kann. Allerdings gilt es zunächst noch einige Herausforderungen zu bewältigen, um das Ziel vollständig autonom fahrender Autos auch wirklich zu erreichen.

Großes Kopfzerbrechen bereitet den Gesetzgebern und Regierungen immer noch die Frage der Haftung, also das Problem, wen man bei einem Unfall zur Verantwortung ziehen soll. Darüber hinaus wird man Vorgaben festlegen müssen, wer ein solches Fahrzeug überhaupt „führen“ bzw. eine entsprechende Zulassung erhalten darf. Außerdem müssen noch diverse Bedenken im Zusammenhang mit der Sicherheit und dem Schutz der Informationen von Insassen und Eigentümern, die das Fahrzeug ja automatisch speichert, ausgeräumt werden.

Eine weitere Hürde, die einer umfassenden Einführung dieser neuen Technologie im Wege steht, sind die anfängliche Abneigung sowie das Unbehagen des Menschen, einem Auto sämtliche Aufgaben anzuvertrauen, für die man sich im Zuge jahrelanger Erfahrung entsprechende Kenntnisse angeeignet hat. Wir gehen jedoch davon aus, dass dieser Widerstand ziemlich schnell schwinden wird, sobald die Menschen erkennen, welche Vorteile diese Technologien mit sich bringen, und sie sich an die semi-autonomen Funktionen gewöhnen. Genauso war es nämlich auch bei den meisten anderen aufkommenden Technologien zur Verbesserung des Komforts.

Trotz der vielfältigen Probleme, mit denen dieser Sektor aktuell noch zu kämpfen hat, wird sich der Fokus innerhalb der Automobilindustrie unserer Meinung nach zwangsläufig zu immer autonomeren Fahrzeugen verlagern. Dieser Trend bringt vor allem für Automobilhersteller, Zulieferer und Technologiefirmen ein enormes Entwicklungspotenzial mit sich. Die Vorzüge und positiven Effekte dieser technologischen Entwicklung sind beträchtlich, und viele Technologien (wie etwa die GPS-Technik) kommen heutzutage bereits in Serienfahrzeugen zum Einsatz. Obwohl es immer noch einige Hindernisse zu überwinden gilt, bevor vollständig fahrerlose Fahrzeuge zum bevorzugten Transportmittel geworden sind, bleiben diese Hürden zwar hoch, sind aber durchaus nicht unüberwindbar.

Für staatliche Organe, Automobilhersteller, Versicherer und andere wird es besonders entscheidend sein, Fragen der Haftung und der Gesetzgebung gemeinsam zu klären, damit der Trend hin zu autonomen Fahrzeugen dadurch nicht gestoppt wird. Nichtsdestotrotz sind wir zuversichtlich, dass viele dieser Schwierigkeiten (wenn nicht sogar alle) letztlich gelöst werden können, weil die Menschen erkennen werden, wie grundlegend diese Fahrzeuge den Verkehr verändern und welche Vorteile sie mit sich bringen. Gleichzeitig sind wir optimistisch, dass sich die in der nachfolgenden Grafik dargestellte Zeitschiene als realistisch erweisen wird. Je näher wir einer Ära vollständig autonomer Fahrzeuge kommen, desto mehr offene Fragen dürften unserer Einschätzung nach auch beantwortet werden. Und im Zuge dieser Entwicklung werden schließlich auch die wirtschaftlichen Gewinner und Verlierer in diesem Sektor zutage treten.

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1. Smith, Bryant Walker, „Human error as a cause of vehicle crashes“, Center for Internet and Society, 18. Dezember 2013 (http://cyberlaw.stanford.edu/blog/2013/12/human-error-cause-vehicle-crashes). Zugriff auf Link: 21. Januar 2015.
2. Shanker, Ravi u.a., „Autonomous Cars: Self-Driving the New Auto Industry Paradigm“, Morgan Stanley Blue Paper. Morgan Stanley & Co. LLC, 6. November 2013

Dies stellt keine Anlageberatung dar. Aufsichtsrechtliche Hinweise

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