„Abenomics“ - das Konzept funktioniert (Archiv )

„Abenomics“ - das Konzept funktioniert

„In den 20 Jahren, in denen ich japanische Aktien manage, war ich noch nie so optimistisch“, erklärt Miyuki Kashima, die Leiterin für japanische Aktien bei BNY Mellon Japan, im Hinblick auf Abes Reformen. „Die allergrößte Gefahr für die japanische Wirtschaft wäre ein Wechsel in der Regierung, d.h. wenn Abe aus gesundheitlichen oder anderen Gründen aufhören müsste. Das wäre eine Katastrophe für Japan."

Zu den vielen Balanceakten, die Abe zu bewältigen hat, gehört auch die Frage, wo er die Deflation bekämpfen kann, ohne dabei den immer noch gefährdeten, aber sich erholenden japanischen Arbeitsmarkt zu beeinträchtigen. Eine Maßnahme war die Erhöhung der Umsatzsteuer im April dieses Jahres - die erste Erhöhung seit 1997.Diesmal aber liegen die Dinge nach Einschätzung von Kashima anders, und besonders der Arbeitsmarkt sollte nicht leiden. Bei den Verbraucherpreisen jedenfalls war die Wirkung durchschlagen, denn viele Verbraucher tätigten im Vorfeld der Erhöhung noch schnell Anschaffungen. Dadurch schossen die Preise im April schneller nach oben als in den letzten 22 Jahren.

Der japanische Arbeitsmarkt, der in der Fülle der als „Abenomics“ bezeichneten Maßnahmen häufig wenig beachtet wird, steht nun stärker im Vordergrund - und dabei geht es nicht nur um die Beschäftigungsquote, sondern auch um die Frage, wie die Menschen beschäftigt werden. Denn, so Kashima, die langen Jahre der Deflation kamen auch zustande, weil sich die in Zeitarbeitsverhältnissen Beschäftigten beim Konsum bisher stets zurückgehalten haben. „Einige große Unternehmen haben nun angekündigt, dass sie Zeitarbeitsverträge in Festanstellungen umwandeln wollen. Man stelle sich vor, was das für die Menschen bedeutet! Jetzt trauen sie sich, Autos zu kaufen, eine Hypothek aufzunehmen und Geld für Konsumgüter auszugeben. So bekommt man eine Wirtschaft wieder zum Laufen.“

Grund für die Entscheidung diverser Konzerne, einem Großteil ihrer Zeitarbeitskräfte feste Anstellungsverträge anzubieten, ist der in einigen Branchen herrschende Arbeitskräftemangel. Eine von der Zeitung Nikkei durchgeführte und am 20. April veröffentlichte Umfrage unter 1.962 Unternehmen zeigt, dass im neuen Geschäftsjahr ab März 2015 16% mehr Universitätsabsolventen eingestellt werden.

Dass die Unternehmen jetzt auf Festanstellungen setzen, ist ein guter Anfang, aber die Beschäftigungskultur in Japan könnte sich laut Kashima auch noch in anderer Hinsicht ändern. „Schon jetzt versucht die Politik, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen durch bessere Kinderbetreuung längeres Arbeiten sowie anspruchsvollere Tätigkeiten zu ermöglichen. Gleichzeitig werden große Unternehmen dazu 'ermuntert', mehr qualifizierte Frauen zu befördern - und mindestens eine Frau in den Vorstand aufzunehmen. Im nächsten Reformschritt geht es dann vielleicht auch um die Einwanderungspolitik."

„In einigen Branchen herrscht akuter Personalmangel, der nicht allein durch die Erhöhung der Frauenquote gedeckt werden kann, weil dieser Prozess Zeit braucht. Japan wird seine Grenzen sicher nicht komplett öffnen, und in jedem Fall erfolgt der Wandel nur allmählich, aber das Problem wurde jetzt klar artikuliert. Das ist auch notwendig, denn auf sehr lange Sicht muss Japan eine Lösung für seine sinkende Bevölkerung finden."

Auch die Reform der Unternehmensauflagen könnte wichtige Auswirkungen auf den japanischen Arbeitsmarkt haben. So ist es zum Beispiel immer noch äußerst schwierig für ein Unternehmen, sich von Mitarbeitern zu trennen, die die an sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Hier ist mittelfristig ein Wandel bei Beschäftigungsauflagen und -kultur denkbar, doch kurzfristig bewegt sich nach Einschätzung von Kashima eher wenig. „Dieses Jahr steht wohl erst einmal das akutere Problem des Arbeitskräftemangels im Mittelpunkt und weniger die Frage, ob Unternehmen womöglich mehr Mitarbeiter einstellen würden, wenn sie sie zu einem späteren Zeitpunkt auch wieder entlassen könnten.“

Abe hat den sehr weit gefassten Auftrag, die Wirtschaft zu sanieren. „Das macht die politische Lage so stabil wie lange nicht mehr“, erklärt Kashima. „Nach 20 Jahren der Deflation halten sich die Menschen und Unternehmen bei Ausgaben sehr zurück. Und Kredite zur Anschaffung von Gütern, die schon ein Jahr später günstiger zu haben sind, werden erst recht nicht aufgenommen."

„Das erklärte Ziel der Abenomics ist Inflation. Und tatsächlich steigen in Japan zum ersten Mal seit zwanzig Jahren die Preise. Doch nicht nur die Preise für Güter und Dienstleistungen ziehen an, auch die Gehälter steigen. Das schafft Vertrauen in die Zukunft“, erklärt Kashima.

Ausblick: Höhere Engagements in Japan nur eine Frage der Zeit

„Abenomics“ - das Konzept funktioniert

Abes Gegner in Japan greifen zu immer schärferen politischen Attacken, aber seine Reformen werden sie laut Kashima nicht aufhalten. „Befeuert wurde die Kritik auch durch die im Inselstreit steigenden Spannungen im Verhältnis zu China, aber diese Situation besteht bereits seit vielen Jahren. Manche bezichtigen Abe, politisch weit rechts zu stehen, aber sie verkennen die Lage. Tatsächlich ist Abe deutlich mehr ein Politiker der Mitte, als den meisten klar ist. Beide Parteien können eigentlich nur verlieren, wenn die Spannungen tatsächlich zunehmen, doch ich glaube nicht, dass dies geschieht. Abe konzentriert sich auf Wirtschaftsreformen.“

Abes Reformen könnten auch den gebeutelten japanischen Aktienmarkt wieder in Schwung bringen. „Die Unternehmensgewinne sind mittlerweile wieder auf die Niveaus von 2006 und 2007 gestiegen, doch am Aktienmarkt ist davon bislang wenig zu spüren. Die Aufholjagd kommt bestimmt, aber noch hat sie nicht begonnen, und Anleger, die sich schon jetzt in Japan engagieren, haben beste Aussichten, von dem Kursrückstand zu profitieren."

„Warum warten, bis sich die Unternehmensgewinne und die Aktienkurse stärker annähern? Wir sind davon überzeugt, dass die Inflation mittlerweile fest verankert ist, das BIP steigt und einige der Unternehmen, in die wir investieren, zulegen werden. Anleger mit globalen Portfolien aber halten nach wie vor Untergewichtungen in Japan. Wenn die Wirtschaft zulegt, und davon gehe ich aus, können sie eigentlich nur eins tun: zukaufen.“ 

Dies stellt keine Anlageberatung dar. Aufsichtsrechtliche Hinweise

Top geratete Artikel