Globaler Ausblick: Zinsen, Rezession und Konjunkturerholung (Archived)

„Das hatten wir doch alles schon einmal.“ So beschreibt David Leduc, Chief Investment Officer von Standish, das I. Quartal dieses Jahres am US-Markt und erklärt, dass dieser Börsenplatz im I. Quartal 2015 ja schließlich ebenfalls durch schlechtes Wetter in Mitleidenschaft gezogen worden ist – und auch in den ersten Monaten fielen in Boston, der Heimatstadt von Standish, mehr als zweieinhalb Meter Schnee. „Deshalb überrascht es nicht, dass die Wetterlage das US-BIP im I. Quartal belastet hat“, so Leduc. „Trotzdem gehen wir davon aus, dass sich das Wachstum der US-Wirtschaft dank eines wieder anziehenden Arbeitsmarktes im weiteren Verlauf dieses Jahres verstärken wird.“

US Rate Hikes To Take Centre Stage

Zu dieser Einschätzung gelangt Leduc, obwohl die US-Wirtschaftsdaten für den März unerwartet schwache Zahlen zum Arbeitsmarkt ausgewiesen haben. „Allerdings ist die Arbeitslosenquote stabil bei 5,5% geblieben“, entgegnet er. „Wir werden derartige Trends zwar aufmerksam beobachten, halten den jüngsten Konjunkturabschwung aber für ein lediglich temporäres Phänomen. Außerdem gehen wir davon aus, dass das Angebot am Arbeitsmarkt knapper werden wird, was im zweiten Halbjahr dann eine höhere Kerninflation zur Folge haben dürfte.“ So schätzt Leduc, dass die US-Teuerungsrate bis zum Jahresende auf 2% klettern wird.

Allerdings wiegt ein positiver Ausblick für den Rest des Jahres 2015 die Auswirkungen des I. Quartals auf das US-Wachstum noch nicht wieder auf. Deshalb hat Standish seine Prognose für das US-BIP für das Gesamtjahr von zuvor 3% auf nunmehr 2,4% nach unten korrigiert. Nichtsdestotrotz geht das Unternehmen aber auch weiterhin davon aus, dass das Wirtschaftswachstum die Fed letztlich dazu veranlassen wird, ihren geldmarktpolitischen Kurs beizubehalten und die Zinsen spätestens im September dieses Jahres wieder anzuheben. Allerdings werden die US-Währungshüter bei ihren Zinserhöhungen nach Einschätzung von Leduc nicht allzu schnell vorgehen und den positiven Trend am US-Markt somit wohl nicht zum Stillstand bringen.

Dazu David Bowser, leitender Portfoliomanager bei Standish: „Was die konkreten Auswirkungen betrifft, so dürfte das Tempo der Zinsanhebungen dabei von größerer Bedeutung sein als deren Zeitpunkt. Wir erwarten, dass die Zinsen im historischen Vergleich eher langsamer – und damit letztlich auch nicht so stark – angehoben werden. Aus diesem Grund sollten die Zinserhöhungen auf Dauer weder für die Konjunktur noch für risikobehaftete Anlageformen negative Folgen haben.“

Angesichts dieses Umfelds erwartet Standish im zweiten Halbjahr eine etwas flachere Zinskurve und sieht bei Risikoanlagen ferner die Möglichkeit einer leicht erhöhten Volatilität. Diese sollte sich nach Einschätzung des Unternehmens jedoch als lediglich vorübergehende Tendenz erweisen. Darüber hinaus geht Leduc für den weiteren Verlauf des Jahres von einem anhaltend starken US-Dollar aus – insbesondere im Vergleich zu den Währungen anderer Industrieregionen wie etwa dem Euro. Obwohl dies für Europa bedenklich zu sein scheint, beurteilt Leduc die Wachstumsaussichten des europäischen Kontinents inzwischen zunehmend optimistischer. So hält er das positive US-Wachstum für einen guten Nährboden für Zuversicht in ein globales Wachstum – allen voran in der Eurozone. In diesem Zusammenhang weist er auf die derzeit lockere Geldmarktpolitik in Europa sowie den schwächeren Euro hin, durch den die Wirtschaftsaktivitäten zuletzt entscheidend beflügelt worden sind.

Mit Ausnahme Großbritanniens und der USA bleibt die Geldmarktpolitik im Rest der Welt laut Leduc größtenteils recht locker. So betont er, dass im ersten Halbjahr 2015 etwa 24 verschiedene Länder – darunter China, Japan und Europa – ihre Zinsen gesenkt haben. „Auf Länderebene repräsentieren diese Staaten über die Hälfte des globalen BIP“, ergänzt er.

Er fügt hinzu, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihr quantitatives Lockerungsprogramm (QE) wahrscheinlich nicht beenden wird, solange sie nicht davon überzeugt ist, die Inflationsgefahr wirklich gebannt zu haben. Die zusätzliche Nachfrage nach Anleihen aus der Eurozone, welche die QE-Maßnahmen zur Folge haben, dürfte das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage an den europäischen Märkten wohl nur noch weiter verschärfen. Dies wird die Zinsen seiner Einschätzung nach dann sogar noch weiter nach unten treiben.

Er ergänzt: „Wir erwarten, dass das wieder anziehende Kreditwachstum in Europa einen Anstieg des Konsums nach sich ziehen wird. Die jüngsten Aktivitäten sowie die Maßnahmen zur Modifikation der Geldmenge deuten darauf hin, dass sich die Lage inzwischen wieder verbessert, und könnten einem Wachstum im Jahr 2015 deshalb zugute kommen.“

Die Schwellenländermärkte

Im Gegensatz zu der vergleichsweise positiven Stimmung im Hinblick auf das Wirtschaftswachstum in den USA und in Europa beurteilt Standish die Lage in den Schwellenländern weniger zuversichtlich. So stellen China und Lateinamerika nach Auffassung von Leduc sogar die größten Risiken für die Wachstumseinschätzungen von Standish für das Gesamtjahr 2015 dar.

Leduc weist darauf hin, dass das Unternehmen mit seiner Wachstumsprognose für China nach wie vor hinter den allgemeinen Markterwartungen zurückbleibt. So geht Standish davon aus, dass das chinesische BIP in diesem Jahr um lediglich 6,7% wachsen wird. Als Ursache dafür sieht Leduc die strukturellen Reformen, die momentan in China umgesetzt werden und welche die Wirtschaft des Landes stark belasten. „Eine antizyklische Geldmarktpolitik wird diesen Effekt nur teilweise ausgleichen können“, fügt er hinzu.

Darüber hinaus hat Standish auch seine Wachstumserwartungen für alle bedeutenden lateinamerikanischen Volkswirtschaften nach unten korrigiert. „Besonders enttäuschend hat sich Brasilien entwickelt, das in diesem Jahr sogar in eine Rezession abrutschen dürfte“, so Leduc. Allerdings fügt er hinzu, dass ein Wachstum der Weltwirtschaft in Verbindung mit mehr Stabilität an den Rohstoffmärkten dazu führen könnte, dass sich die Wachstumsaussichten Brasiliens im weiteren Verlauf dieses Jahres auch wieder verbessern.

Im Hinblick auf das Segment Schwellenländeranleihen erklärt Leduc, dass diese Anlageklasse durch anhaltende geopolitische Risiken sowie durch ein schwaches Wirtschaftswachstum unter Druck geraten ist. Dadurch bieten sich seiner Meinung nach inzwischen aber auch wieder viel versprechende Anlagechancen.

Insgesamt gelangt Leduc zu folgendem Fazit: „An den Märkten für risikobehaftete Anlageformen wird man sich weiterhin um die Tendenz der Energie- und Rohstoffpreise, einen monetären Richtungswechsel der Fed sowie um geopolitische Risiken sorgen. Allerdings sollten Wertschwankungsschübe, die durch diese Faktoren ausgelöst werden könnten, auch Möglichkeiten eröffnen, das Beta-Risiko an den Anleihenmärkten mit Blick auf den weiteren Verlauf dieses Jahres auf vergleichsweise breiter Front wieder zu erhöhen.“

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