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Wir arbeiten daran

Für nächstes Jahr rechnen die meisten Beobachter des globalen Wirtschaftsgeschehens mit einem Zinsanstieg in dem einflussreichen US-Markt. Viele Manager berücksichtigen diese Annahme bereits in ihren Investments.

Jede neue Aussage der US-Notenbank (Fed) zur Rückführung (Tapering) ihres quantitativen Lockerungsprogramms (Quantitative Easing, kurz QE) kann Anleiheninvestments erheblich beeinflussen, aber auch viele andere Daten können Anleihenanalysten dabei helfen, potentiell neue Trends und mögliche Reaktionen der Zentralbanken und des Gesamtmarktes zu antizipieren.

Da Zentralbanken wie die Fed gleichzeitig die Beschäftigung und die Inflation im Auge haben, lohnt es sich für Anleihenanleger, die aktuellen Lohn- und Arbeitsmarktdaten besonders sorgfältig zu studieren.

Die Bedeutung dieser Daten erläutert Isobel Lee, Leiterin Global Fixed Income bei Insight: „Der Arbeitsmarkt ist sowohl aus globaler als auch aus nationaler Sicht ein wesentlicher Bestimmungsfaktor der Verbrauchernachfrage und kann die Inflation erheblich beeinflussen. Insofern ist er für Zentralbanken wie die Fed und den Gesamtmarkt immer von zentraler Bedeutung.“

Kernindikatoren

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Insight verfolgt die globalen Lohn- und Beschäftigungstrends stets sehr genau, um frühzeitig Hinweise auf Inflationsdruck und mögliche Zinserhöhungen zu erhalten, denn beide sind für das Anleihensegment relevant. Am günstigsten präsentieren sich Beschäftigung und Löhne nach Auskunft von Lee derzeit in den USA, wo nach der Konjunkturdelle, die heute weitgehend der langen Schlechtwetterphase Anfang des Jahres zugeschrieben wird, allein im März 192.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.1

„Lediglich in den USA sind die Löhne und Gehälter 2014 gestiegen, und selbst hier ist die Verbesserung relativ schwer auszumachen. Denn das Wachstum hat zwar stattgefunden, ist aber nicht besonders stark ausgeprägt. Dennoch haben wir den Eindruck, dass sich der US-Arbeitsmarkt langsam erholt und die Fed die USA in Richtung Vollbeschäftigung steuert“, sagt sie.

Tatsächlich befürchteten viele, dass die Fed die Zinsen früher anheben könnte als zunächst angenommen, doch die US-Arbeitsmarktdaten für März haben hier für Entspannung gesorgt.2 Trotz dieser positiven Nachichten sind einige Investmentmanager aber nach wie vor skeptisch.

Marktskepsis

Der US-Investmentmanager Standish analysiert unterschiedlichste Konjunkturdaten, denn auch hier ist man überzeugt, dass die Lohn- und Beschäftigungsdaten wichtige Hinweise auf wahrscheinliche Veränderungen im Anleihenmarkt geben können. Die neusten Daten jedoch werden mit einiger Vorsicht interpretiert. Thomas Higgins, Chefvolkswirt und Global-Macro-Stratege von Standish, beunruhigt vor allem der jüngste Richtungswechsel der Fed weg von quantitativen Interventionen und hin zu einer qualitativeren Erwartungslenkung über die Entwicklung am Arbeitsmarkt, bei den Inflationserwartungen und im Finanzmarkt. Denn dieser neue Ansatz birgt in seinen Augen das Potential für mehr Unsicherheit und Volatilität, die auch die Anleihenmärkte erreichen könnten.

Zustande kam dieser Richtungswechsel, nachdem über 8,2 Millionen neue Arbeitsplätze seit Januar 2010 das maximale Beschäftigungsziel der Fed in greifbare Nähe rückten. Das nahm die Fed auf ihrer Sitzung im März zum Anlass, ihren quantitativen Zielwert von 6,5% aufzugeben und stärker qualitative Erwartungslenkung zu betreiben.

Higgins ist allerdings nicht überzeugt, dass dieser Wechsel dem Markt dient. Seine Vorbehalte erklärt er wie folgt: „Wir befürchten, dass der Mangel an expliziten Zielen, der sich durch den Verzicht auf die quantitative Erwartungslenkung zur Beschäftigungslage ergibt, größere Unsicherheit über die künftige Zinsentwicklung und damit höhere Volatilität am Markt für US-Staatsanleihen entstehen lässt.“

Anfällig für diese Volatilität sind dabei vor allem Anleihensegmente mit einem großen Anteil an Retailanlegern wie etwa Schwellenländer- und Hochzinsanleihen, weil hier das Risiko von Mittelabflüssen aus Anleihenfonds besteht. Allerdings sieht Higgins auch stabilisierende Elemente: widerstandsfähige bis sich verbessernde Unternehmensfundamentaldaten sollten Investment Grade-Anleihen und den High Yield-Sektor weiter stützen, und auch die Bewertungen in den Schwellenländern sind attraktiver geworden. Und letztendlich, so Higgins, könnte die Volatilität am Staatsanleihenmarkt auch Chancen für Anleger bieten. Bisher gingen höhere Staatsanleihenrenditen mit niedrigeren Renditedifferenzen einher.

Fortschritte in Grossbritannien

Wir arbeiten daran 2Außerhalb des wichtigen US-Marktes entwickeln sich Beschäftigung und Löhne uneinheitlich. Auch hier aber gibt es zumindest einige Lichtblicke. In Großbritannien erreichte die Beschäftigungsquote im Zeitraum September bis Oktober 2013 mit 30,1 Millionen3 einen neuen Rekord, und im April 2014 lagen die wöchentlichen Verdienste nach fast sechs Jahren sinkender Lebensstandards endlich wieder über der Inflationsrate. Nach Angaben des britischen Statistikbüros stiegen die wöchentlichen Löhne einschließlich Boni nach 1,4% im Januar im Februar um 1,7%, während die über den Verbraucherpreisindex (VPI) gemessene Inflation auf 1,6% sank.4

Anderswo ist die Lage weniger günstig.

Nach Auskunft von Lee lässt das Wachstum auf dem europäischen Festland und in Japan weiter zu wünschen übrig, und Anleihenanleger konnten sich nur mit wenigen steigenden Indikatoren trösten. „Die Arbeitsmarktsignale im Euroraum sind sehr uneinheitlich“, erklärt sie und fügt hinzu: „Die realen Löhne wachsen weiterhin nur schwach, auch wenn sich in Deutschland einiges zu bessern scheint: in manchen Fachgebieten mangelt es an Arbeitskräften, was dafür spricht, dass sich der Markt wieder normalisiert. In den südeuropäischen Wirtschaften hingegen steigt die Arbeitslosigkeit immer noch weiter. Zu diesem Problem beigetragen hat, dass die Arbeitsmärkte ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßten, als die Zinsen zu niedrig waren.“

Auch in Japan ist die Lage am Arbeitsmarkt trotz aller Anstrengungen von Premierminister Shinzo Abe weiterhin düster. Hinzu kommt noch, dass die Reformen ganz eigene Risiken bergen. „Die japanischen Arbeitsmarktreformen sind nur sehr langsam vorangekommen, und das Land ist fest im Griff einer quantitativen Lockerung, in der die Bank von Japan das Nettoangebot an japanischen Staatsanleihen aufkauft. Dieser Prozess muss sorgfältig begleitet werden, denn wenn die Balance nicht stimmt, läuft Japan Gefahr, die Deflation durch eine Hyperinflation zu ersetzen“, schließt sie.

Chancen in den Schwellenländern

Angesichts der weltweiten Beschäftigungs- und Inflationsdaten kommt Higgins zu dem Schluss, dass die Schwellenländer derzeit einige der werthaltigsten Anlagechancen im Anleihensegment bieten. Allerdings müssen Anleger sorgfältig darauf achten, wo genau sie investieren.

„Wir halten die Schwellenländer aktuell für eines der attraktivsten Segmente im Anleihenmarkt. Als die Fed letztes Jahr erstmals eine Rückführung ihres quantitativen Lockerungsprogramms (Tapering) ins Gespräch brachte, brach dieses Segment am stärksten ein. Schwellenländeranleihen in US-Dollar haben seitdem wieder zugelegt, aber die Lokalwährungsanleihen sind weiterhin relativ günstig."

„Allerdings müssen Anleger selektiv vorgehen. Einige Staaten haben strukturelle Probleme - die Türkei etwa leidet unter internen und externen Ungleichgewichten und es besteht ein gewisses geopolitisches Risiko. Andere Länder wie z.B. Kolumbien hingegen erfreuen sich robuster gesamtwirtschaftlicher Fundamentaldaten und sind daher sehr viel attraktiver“, schließt er.

Worauf Sie jetzt achten sollten

  • Die potentiellen Auswirkungen der mittlerweile qualitativeren Erwartungslenkung der Fed zum Arbeitsmarkt, den Inflationserwartungen und den Entwicklungen am Finanzmarkt.
  • Die nächsten Treffen der Fed sind am 29./30. Juli, am 16./17. September, am 28./29. Oktober und am 16./17. Dezember
  • Weitere positive Meldungen zur Beschäftigung und zum Wachstum in Großbritannien im Jahresverlauf 2014

 

1. US-Arbeitsmarkt lässt die Winterdepression hinter sich. FT. 04.04.2014
2. US-Staatsanleihen legen nach US-Arbeitsmarktdaten zu. The Wall Street Journal. 04.04.2014
3. Zurück zur Arbeit ("Working it.") The Economist. 25.01.2014
4. ONS: Nach sechs Jahren überholen die Gehälter endlich die Inflation. BBC Business News. 16.04.2014

Dies stellt keine Anlageberatung dar. Aufsichtsrechtliche Hinweise

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