Die Finanzierungslücke schließen (Archiv )

Die Auswirkungen der anhaltenden aufsichtsrechtlichen Umwälzungen im Bankensektor sind nur einer der Faktoren, welche die Nachfrage nach Nicht-Bankenkrediten im nächsten Jahr bestimmen dürften. Im Folgenden geht Paul Hatfield, Chief Investment Officer von Alcentra, auf die aktuellen Markttrends und Anlagechancen ein und gibt außerdem einen Ausblick für dieses Segment im Jahr 2016.

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Die neuen regulatorischen Bestimmungen und Anforderungen an die Kapitalausstattung, die nach der globalen Finanzkrise eingeführt worden sind, belasten zusehends die Kreditvergabe der Banken – einst das Lebenselixier vieler kleinerer und mittelständischer Unternehmen in Großbritannien sowie an anderen Märkten.1

Aufgrund der neuen Vorgaben – wie etwa der Basel III-Kapitalanforderungen der Europäischen Union (EU) – können Banken nun dafür bestraft werden, wenn sie länger laufende Kredite an kleinere Firmen vergeben. Außerdem dürfen sie einem einzelnen Schuldner nur noch einen begrenzten Kreditumfang anbieten.

Diese Einschränkungen sowie deren zunehmende Auswirkungen auf die Finanzierung kleinerer und mittelständischer Unternehmen haben innerhalb der EU sowie bei Branchenvertretern wie der UK Federation of Small Businesses2 Besorgnisse aufkommen lassen. Gleichzeitig erhält dadurch aber auch eine Reihe alternativer Finanzierungsquellen einen Schub.

Knappes Angebot

Bisher wurde die Lücke, welche die wachsende „Kreditmüdigkeit“ der Banken hinterlassen hat, durch Initiativen wie etwa das Crowdfunding3 oder internetbasierte Kreditdienstleistungen ausgefüllt. Dabei handelt es sich größtenteils aber immer noch um eher kleinvolumige Lösungen, die sich hauptsächlich an kleinere Firmen richten. Deshalb ist die Nachfrage nach Krediten also nach wie vor höher als das Angebot.

In Bezug auf das aktuelle Verhältnis von Kreditangebot und -nachfrage am Markt erklärt Alcentra-Chief Investment Officer Paul Hatfield: „Obwohl die Kreditvergabe der Banken an kleinere und mittelständische Unternehmen im Laufe des Jahres 2015 wieder etwas zugenommen hat – was auch auf den staatlichen Druck, solche Firmen zu unterstützen, zurückzuführen war – repräsentiert dieser Bereich nur einen kleinen Teil des gesamten Kreditportfolios. Dieses entfällt dann in erster Linie auf sehr sichere Kredite am oberen Ende der jeweiligen Kapitalstrukturen.“

Obwohl die Vergabe von Nicht-Bankenkrediten an Unternehmen in Europa rasant steigt, liegt ihr Marktanteil zurzeit immer noch bei unter 20%.4 Da sich US-Firmen hingegen bereits zu fast 70% außerhalb des Bankensektors finanzieren5, sieht Hatfield in diesem Sektor in Europa noch beträchtliches Wachstumspotenzial, da dieser Markt immer reifer wird.

„In Europa ist das Kapitalangebot für kleinere und mittelständische Unternehmen nach wie vor knapp. Dieser Umstand könnte Investoren, die sich in diesem Bereich engagieren, beträchtliche Anlagechancen eröffnen“, fügt er hinzu.

Alcentra ist eine von immer mehr Investmentmanagement-Firmen, die auf Direktkredite setzen und so dazu beitragen, das fehlende Angebot bei institutionellem Fremdkapital aufzufangen.

Solide Regulierung

Was die Aussichten für den Kreditsektor betrifft, so betrachtet Hatfield Großbritannien und Frankreich als die für Alcentra entscheidenden europäischen Zielmärkte. Allerdings bieten sich seiner Meinung nach mittlerweile auch in Deutschland zunehmend Anlagechancen, während in den skandinavischen Ländern ebenfalls ein beträchtliches Potenzial entsteht.

„Wir erwarten in den kommenden Monaten einige sehr erfolgreiche Kapitalaufnahmen. Gleichzeitig gibt es vielfältige Möglichkeiten, dieses Kapital zu investieren“, so Hatfield.

Seiner Einschätzung nach sind Investments in den Kreditsektor angesichts niedriger Renditen, ausgeprägter Wertschwankungen an den Aktienmärkten sowie wegen der zuletzt enttäuschenden Performance vieler Anlageklassen zurzeit attraktiv.

„Was die Vorteile dieser Anlageform betrifft, so haben es die Investoren nach wie vor mit einem Niedrigzinsumfeld zu tun, in dem die Kreditkosten niedrig bleiben werden. Durch Engagements in Krediten könnten die Anleger allerdings Nettoerträge im hohen einstelligen Bereich erzielen. Schaut man sich einmal die jüngsten Entwicklungen in anderen Anlageklassen an, können Investments in Kredite außerdem ein attraktives Risiko-/Ertragsprofil aufweisen“, führt er aus.

In Bezug auf das aktuelle Risikoniveau erklärt Hatfield, dass der Kreditmarkt im Hinblick auf die Zahl der Nichtbedienungen zurzeit einen robusten Eindruck macht. Somit könnten die Anleger also von dem momentanen Niedrigzinsumfeld profitieren.

Dazu erklärt er: „Für einen wirklich beträchtlichen Anstieg der Ausfallrate befinden wir uns zurzeit noch in einem zu frühen Stadium des Zyklus. Allerdings stellen wir fest, dass die Öl- und Gasbranche nach dem jüngsten Einbruch der Energiepreise allmählich unter Druck gerät. Falls die Zinsen in einigen Jahren wieder deutlich nach oben klettern sollten, könnte das in diesen Marktsegmenten für Probleme sorgen. Aktuell registrieren wir aber noch keine schwerwiegenden Zahlungsausfälle.“

Darüber hinaus beschreibt Hatfield die spezifischen Risiken, mit denen Alcentra zu kämpfen hat, sowie den Risikomanagement-Ansatz des Unternehmens wie folgt: „Was die Faktoren Illiquidität und Risiko betrifft, so wissen wir, worauf wir uns einlassen. Gleichzeitig behalten wir unsere Investments immer ganz genau im Auge. Außerdem verfügen wir über große Kredit-Teams, die unsere Positionen überwachen. Selbst wenn eines unserer Engagements unter Druck geraten sollte, würden wir die Ärmel hochkrempeln und uns darum kümmern, potenzielle Probleme wieder in den Griff zu bekommen.“

Angesichts des aktuellen Umfelds am Kreditmarkt sind Direktkredite aufgrund der regen Kreditnachfrage sowohl in den USA als auch in Europa laut Hatfield die attraktivste Strategie. Das Segment strukturierte Kredite erfreut sich ebenfalls eines zunehmenden Kaufinteresses, zumal sich einige Investoren in diesem Bereich im Rahmen von Multi Strategy-Fonds engagieren.

Multi Strategy-Lösungen

Das steigende Kaufinteresse an derartigen Anlagelösungen kommentiert Hatfield wie folgt: „In den letzten Monaten wurden Multi Strategy-Kreditlösungen von einer Reihe institutioneller Investoren nachgefragt. In der Regel verfügen britische Pensionsfonds über keinen günstigen und einfachen Zugang zu alternativen Kreditformen. Indem sich solche Marktakteure also in einem Multi Strategy-Kreditfonds engagieren, können sie ihren Investmentprozess vereinfachen und gegen eine einmalige Zahlung eine Allokation in einem Sondersituationen-Fonds, einem Fonds für strukturierte Kredite, einem Direktkredite-Fonds oder einem einzigen Multi Strategy-Fonds aufbauen. Diese Vorgehensweise erspart es Pensionsfonds-Managern, mehrere Manager mit unterschiedlichen Kreditstrategien auszuwählen und in diese zu investieren.“

Hatfield geht davon aus, dass die Kreditmärkte in den nächsten 12 bis 18 Monaten durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst werden. Dabei weist er insbesondere auf die möglichen Auswirkungen der Basel III-Richtlinie, die 2016 bzw. 2017 umgesetzt wird, sowie auf die potenziellen Folgen von Dodd-Frank-Reformen in den USA wie etwa der Volcker-Richtlinie6 hin, durch welche die Kreditvergabe der Banken ebenso weiter eingeschränkt werden könnte wie spekulative Investments.

Darüber hinaus könnten auch weitere quantitative Lockerungsmaßnahmen (QE) der Europäischen Zentralbank (EZB) die Nachfrage nach oben treiben, falls die EZB ihre Wertpapierkäufe auf ein noch breiteres Spektrum von Anlageformen ausweiten sollte.

Trotz der jüngsten Debatte in der Branche über eine Zinsanhebung durch die US-Notenbank bleibt Hatfield trotz möglicherweise steigender Kreditkosten davon unbeeindruckt und vertritt die Auffassung, dass ein moderater Zinsanstieg dem Sektor Nicht-Bankenkredite letztlich sogar zugute kommen könnte.

„Wir rechnen mit einem lediglich marginalen Anstieg der Zinsen, der keine allzu großen Auswirkungen auf die Märkte haben dürfte. Vielmehr wird es letztlich viel bedeutsamer sein, in welchem Tempo die Kreditkosten nach oben geschleust werden, als es der Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung selbst ist. Sobald das Zinsniveau aber auf 1% angestiegen ist, werden die LIBOR-Untergrenzen für die Kreditverzinsung durchbrochen, so dass Investments in Kredite für Anleger wieder sehr attraktiv werden könnten.“

„So oder so identifizieren wir eine sehr solide Neugeschäfts-Pipeline und gehen davon aus, dass sich 2016 angesichts stabiler Gebühren und Erträge eine steigende Zahl von Kreditmöglichkeiten eröffnen wird“, schließt Hatfield.

WORAUF MAN ACHTEN SOLLTE

  • Die anhaltende Umsetzung regulatorischer Vorgaben wie etwa der Basel III- und der Volcker- Richtlinie könnten die Kreditvergabe der Banken noch weiter einschränken.
  • Branchen aus dem Energieumfeld (wie beispielsweise der Öl- und Gassektor) könnten unter Druck geraten.
  • Weitere QE-Maßnahmen der EZB können eine zusätzliche Nachfrage nach Nicht-Bankenkrediten zur Folge haben.

 

1.Reuters: „European Union may ease bank capital rules to boost lending“, 15. Juli 2015.
2.Pressemeldung der Federation of Small Businesses: „FSB concerned new international banking rules could squeeze lending to SMEs“, 27. Juli 2015.
3.The Independent: „Small Talk: The crowdfunding industry has had three years of dramatic growth“, 27. April 2015.
4.Reuters: „In new trend, European fund firms become banks in all but name“, 27. Mai 2015.
5.Ibid.
6.The Wall Street Journal: „Volcker Bank-Risk Rule Set to Start With Little Fanfare“, 21. Juli 2015.

 

Dies stellt keine Anlageberatung dar. Aufsichtsrechtliche Hinweise

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