Das Geduldspiel (Archivé)

Lateinamerika steckt derzeit mitten in einer langwierigen Abwärtsspirale. Nachdem die dortigen Wachstumsraten in den ersten 10 Jahren des neuen Jahrtausends im Durchschnitt noch bei über 5% gelegen hatten, haben ein Einbruch der Rohstoffpreise sowie eine nachlassende Nachfrage aus China dazu geführt, dass man für 2015 mittlerweile von einem Nullwachstum ausgeht.

The Waiting Game

Für die rohstofforientierten Volkswirtschaften der Region hatte der Preisverfall beim Öl besonders verheerende Folgen (siehe nachfolgende Grafik 1). So repräsentiert der Ölsektor beispielsweise über 50% der Exporte Kolumbiens, während jeder einzelne US-Dollar, um den der Ölpreis sinkt, für das OPEC-Mitglied Venezuela Einnahmeneinbußen in Höhe von 700 Mio. US-Dollar bedeutet1.

Aber auch politische Fehlentscheidungen und wirtschaftliches Missmanagement haben dabei eine Rolle gespielt. In Brasilien, dem ehemaligen Wachstums-Musterschüler der BRIC-Staaten, legte Dilma Rousseff den denkbar schlechtesten Start in ihre zweite Amtszeit als Staatspräsidentin hin, denn sie war im Zusammenhang mit Bestechungsgeldern in Höhe von 2,5 Mrd. Pfund Sterling in einen Korruptionsskandal bei der staatlichen Ölgesellschaft Petrobras verwickelt. Im März gelang es Brasilien nur noch mit Mühe, sein Investmentstatus-Rating zu behalten, denn Standard & Poor’s stufte das „unerwartet hohe Haushaltsdefizit“ im Jahr 2014 sowie die Auswirkungen des Petrobras-Skandals als besorgniserregend ein.

Gleichzeitig erklärt die konkurrierende Ratingagentur Fitch, dass rund 18% der lateinamerikanischen Anleihen derzeit auf der Negativ-Watchlist stehen. Dabei handelt es sich vorrangig um Papiere brasilianischer Unternehmen und Finanzinstitute2.

Von Kolumbien im Norden bis Argentinien im Süden scheinen die Volkswirtschaften der Region also mit großen politischen, volkswirtschaftlichen und haushaltspolitischen Problemen zu kämpfen zu haben.

Grafik 1: Durchschnittlicher Anteil des Rohstoffsektors an den Exporten insgesamt (2010-2012)

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So weit, so schlecht – aber nach Auffassung der Schwellenländeranleihen-Manager Colm McDonagh und Rodica Glavan von Insight täuschen diese Negativschlagzeilen über eine andere, bedeutsame Wahrheit hinweg. Schließlich ist Lateinamerika ein riesiger Wirtschaftsraum mit ganz unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen. Und wenn man genauer hinschaut, gibt es nach Einschätzung der beiden durchaus Gründe, zuversichtlich zu sein.

So erklärt Colm McDonagh: „In dieser Region ist die komplette Bandbreite von Ländern vertreten – angefangen von Staaten, die wirklich gut geführt werden, bis hin zu Ländern, in denen bereits eine ganze Reihe von Fehlern gemacht worden ist. Wir haben es also mit einer Art Schwellenländer-Mikrokosmos zu tun. Deshalb ist es entscheidend, einen selektiven Investmentansatz umzusetzen. Unserer Meinung nach können sich sogar in jenen Staaten, die eigentlich für schlechte Nachrichten sorgen, durchaus attraktive Anlagechancen bieten, wenn man nur lange und sorgfältig genug danach sucht.“

Ein Beispiel dafür ist Kolumbien. Nachdem die Konjunktur dieses Landes bereits im letzten Jahr durch den Einbruch des Ölpreises in Mitleidenschaft gezogen worden ist, dürfte sie nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in den nächsten Jahren sogar noch weiter an Fahrt verlieren. So sind die Prognosen für das BIP-Wachstum von vormals 4,6% aus dem Jahr 2014 auf 3,4% für 2015 sowie auf 3,7% für 2016 gesunken. Darüber hinaus hat der Rückgang der Exporte auch Einfluss auf das Leistungsbilanzdefizit Kolumbiens, das den Erwartungen zufolge im Jahr 2015 deutlich über das historische Niveau von 4,9% ansteigen wird3.  Und selbst nach den jüngsten Friedensverhandlungen scheint eine Annäherung im dort seit nunmehr über 50 Jahre andauernden Bürgerkrieg weiter entfernt denn je.

Nichtsdestotrotz ist Rodica Glavan der Meinung, dass sich Kolumbien diesen konjunkturellen Problemen dank der umsichtigen Haushaltspolitik, die dort auf dem Höhepunkt des Rohstoffbooms betrieben wurde, mit einer gewissen Gelassenheit stellen kann. Sie erklärt: „Obwohl es von den lateinamerikanischen Staaten durch den Einbruch des Ölpreises mit am stärksten in Mitleidenschaft gezogen worden ist, ist Kolumbien immer noch besser aufgestellt als viele vergleichbare Länder. Während des Rohstoffbooms hat man den Geldsegen infolge hoher Ölpreise dort nämlich nicht einfach vergeudet, so dass Kolumbien im Vergleich zu anderen Staaten nun über einen größeren Handlungsspielraum verfügt, um antizyklische Maßnahmen umzusetzen.“

Darüber hinaus ist dieses Land nach Angaben der Weltbank nach wie vor der viertgrößte Empfänger ausländischer Direktinvestments innerhalb der Region und wird wohl auch in Zukunft ein attraktives Ziel für Mittelzuflüsse bleiben.

Grafik 2: BIP-Wachstum in Lateinamerika

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Also alles gar nicht so schlimm?

Andere Segmente geben ebenfalls Anlass zur Zuversicht. In Brasilien hat eine jahrelange Misswirtschaft letztlich zu einem deutlichen Rückgang des BIP-Wachstums sowie zu einer hartnäckig hohen Inflation geführt. Da die Beliebtheit der brasilianischen Staatspräsidentin zuletzt aber auf dem zweitniedrigsten Niveau aller Zeiten lag und gleichzeitig ein vollständiger Vertrauensverlust seitens der Investoren drohte, hat Dilma Rousseff zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit einen plötzlichen Richtungswechsel vollzogen und setzt nun wieder auf eine relativ orthodoxe wirtschaftspolitische Strategie.

Im Rahmen eines Schachzugs, der bei den Ratingagenturen auf große Zustimmung stieß, ernannte sie den in Chicago ausgebildeten Banker Joaquim Levy zum Finanzminister. Gleichzeitig stellte sie mögliche Steuererhöhungen und Haushaltskürzungen in Aussicht. Standard & Poor’s reagierte auf diese Maßnahmen positiv. So merkte die Ratingagentur an, dass diese neue Strategie „das verlorene Vertrauen in die Politik schrittweise wiederherstellen und den Weg für wieder bessere Wachstumsaussichten im kommenden Jahr bereiten sollte“.

Dazu erklärt Glavan: „Dieser politische Richtungswechsel wird für Brasilien auf kurze Sicht sehr schmerzhaft sein. Das ist immer so, wenn man die Fiskalpolitik verschärft, während die Notenbank gleichzeitig die Zinsen anhebt, um die Inflation einzudämmen. Langfristig gehen wir jedoch davon aus, dass wir es mit einem Wendepunkt zu tun haben. Damit könnte die Wirtschaft dieses Landes nun den Weg hin zu einem wesentlich nachhaltigeren Wachstum eingeschlagen haben.“

Auch in allen anderen Regionen des Kontinents liegt politischer Wandel in der Luft. Für Argentinien, das unter einer hohen Staatsverschuldung sowie einer überbewerteten Währung leidet, könnte die im Oktober anstehende Wahl einen Neustart bedeuten, denn alle potenziellen Kandidaten gelten als marktfreundlicher als die amtierende Präsidentin Cristina Fernandez. Derweil könnte die für Mitte September in Venezuela geplante Wahl der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Präsidentschaft von Nicolás Maduro Ausdruck verleihen, zumal die Inflation dort mittlerweile bei über 60% liegt, während man für dieses Jahr außerdem ein Schrumpfen der venezolanischen Wirtschaft um 7% vorhersagt4.  Die Zwischenwahlen, die im Juli in Mexiko sowie im Oktober in Kolumbien stattfinden, könnten ähnliche Anhaltspunkte für die zukünftige Entwicklung dieser bedeutenden Volkswirtschaften innerhalb der Region liefern. 

Für einen weiteren Lichtblick könnten auch die Infrastrukturausgaben auf dem Kontinent sorgen. Die Erweiterung des Panama-Kanals ist ein Mega-Projekt, das laut Glavan dem Handel in der gesamten Region zugute kommen sollte. Auf kurze Sicht schreitet auch der Ausbau der Infrastruktur im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Brasilien weiter voran und könnte ihrer Meinung nach der Wirtschaft dieses Landes einen Schub geben, sofern die Spiele erfolgreich verlaufen. 

Unter diesen Umständen sind jene Anleger, die von den lateinamerikanischen Märkten zuletzt enttäuscht worden sind, vielleicht lediglich Zeugen jener „dunklen Stunden“ geworden, die besseren Zeiten vorausgehen. Insgesamt erwartet die Weltbank, dass die Wirtschaft Lateinamerikas zwischen 2015 und 2017 um durchschnittlich 2,6% wachsen wird. Von der Euphorie während des Rohstoffbooms der Jahre 2004 bis 2008 ist das zwar immer noch weit entfernt, bietet jenen Investoren, die ausdauernd genug sind, um sich auf ein solches Geduldspiel einzulassen, laut McDonagh aber einen interessanten Einstiegszeitpunkt.

1. Reuters: Ausblick für Lateinamerika für 2015 trübt sich wegen sinkender Rohstoffpreise ein, 15. Januar 2015
2. Fitch Ratings: Rückschlagrisiken in Lateinamerika, 4. Mai 2015
3. Weltbank, Globale Wirtschaftsaussichten, Januar 2015
4. IWF, April 2015

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