Zurück nach Hause (Archived)

Zurück nach Hause

Nachdem firmeneigene Funktionen jahrzehntelang massiv an Standorte wie etwa Indien oder China ausgelagert wurden, ist die Repatriierung der Produktion aus dem überseeischen Ausland in Märkte wie beispielsweise Großbritannien wieder im Kommen. Immer häufiger ist die Rede von Rückverlagerungen, wenn Unternehmen die Qualität verbessern wollen und ihre Finanz-, Logistik-, und Vertriebsanforderungen einer Überprüfung unterziehen.

Möglicherweise bildet sich angesichts der Herausforderungen, denen die Wirtschaft nach der Finanzkrise ausgesetzt ist, gerade ein Themenwechsel heraus: von der früheren Fixierung auf wachsende Globalisierung zu einer zumindest partiellen Rückbesinnung auf den Heimatmarkt. Ziel der britischen Politik ist derzeit die Förderung von privatwirtschaftlichen Investitionen entweder über neue Investitionen oder über die Rückverlagerung von zuvor ausgelagerten Aktivitäten.

Analysten etwa des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) gehen davon aus, dass die traditionelle britische Industrie z.B. im Textil-, Elektrogeräte- und Maschinenbausektor am stärksten von der Rückverlagerung profitieren sollten, aber auch für andere Bereiche wie Unternehmensdienstleister und Telekommunikation ergeben sich zusätzliche Chancen. Die erwarteten Rückverlagerungseffekte stehen dabei ganz im Einklang mit den Anstrengungen der britischen Regierung, mehr Stellen und Wachstum außerhalb des Dienstleistungssektors zu schaffen.

Der Ende der 1970er Jahre noch deutlich höhere Beitrag der britischen Industrie zum BIP ist in den letzten Jahrzehnten auf mittlerweile etwa 10% gesunken1. Erklärt wurde dies sowohl mit mangelnder internationaler Wettbewerbsfähigkeit als auch mit dem Wachstum des Dienstleistungssektors z.B. in der Finanzindustrie. Insofern könnte die Rückverlagerung der britischen Industrie wichtige Impulse geben.

PwC schätzt, dass durch Rückverlagerungen in den nächsten zehn Jahren etwa 100-200.000 zusätzliche Arbeitsplätze in Großbritannien geschaffen und die nationale Wirtschaftsleistung nach heutiger Währung bis Mitte 2020 um jährlich etwa GBP 6-12 Mrd. gesteigert werden könnte2. Es ist sogar denkbar, dass dadurch die Marktwerte und Aktienkurse jener Unternehmen steigen, die vom Rückverlagerungstrend in Anlagesektoren wie Industrieelektronik und Elektrotechnik längerfristig am stärksten profitieren.

Ganzheitlicher Ansatz

Für die Rückverlagerung sprechen in den Augen britischer Unternehmen diverse Faktoren einschließlich der im Inland womöglich besseren Qualitätskontrollen, die weniger wettbewerbsfähigen ausländischen Arbeitsmärkte sowie die in letzter Zeit erheblich gesunkenen Unternehmenssteuern. Janet Godsell, Professorin für Betriebswirtschaft und Lieferkettenstrategie an der Warwick Manufacturing Group (einem Lehrstuhl der Warwick University), nennt einen weiteren wichtigen Grund: die Unternehmen betrachten ihre Kostenbasis ganzheitlicher und konzentrieren sich heute weniger ausschließlich auf die Produktionskosten.3

Eine durch den britischen Industrieverband Engineering Employers Federation (EEF) und die Anwaltskanzlei Squire Sanders durchgeführte Analyse von 300 Unternehmen hat gezeigt, dass jedes sechste Unternehmen in den letzten drei Jahren die Produktion vor allem aus Qualitätsgründen aus dem überseeischen Ausland zurückverlagert hat.4

Bisher sind dadurch nur wenig neue Arbeitsplätze entstanden - nach Schätzungen der Regierung seit 2011 etwa 1.500. Doch langfristig, so hofft man, könnte der Rückverlagerungstrend deutlich mehr Chancen schaffen.

Erfolg in den USA

Ob die Rückverlagerungen tatsächlich zu einer industriellen Renaissance führen wird kontrovers diskutiert, und die aktuellen Effekte sollten nicht überschätzt werden. Das Beispiel der USA legt aber den Schluss nahe, dass Rückverlagerungen deutliche Vorteile mit sich bringen könnten. In den USA haben sie nach jüngsten Schätzungen dazu beigetragen, etwa 80.000 Arbeitsplätze in der Industrie aus dem Ausland in die USA zurückzubringen, zum Teil um den florierenden Schiefergassektor des Landes zu unterstützen.5

Das Dienstleistungsnetzwerk Grant Thornton geht davon aus, dass der Rückverlagerungstrend die US-Wirtschaft demnächst dramatisch umgestalten könnte. In seiner Umfrage „Beschaffungs- und Vertriebsstrategien: was die Rückverlagerung wirklich bringt“ vom November 2013 ist zu lesen,dass mehr als ein Drittel der US-Unternehmen in den nächsten 12 Monaten Güter und Dienstleistungen in die USA zurückverlagern werden und sogar IT-Dienstleister, die zu den Auslagerungspionieren zählten, wahrscheinlich binnen eines Jahres wieder Arbeitsplätze in die USA zurückverlegen.6

Das hieße, dass ganze 5% aller US-Beschaffungen wieder im Inland stattfinden könnten. Grant Thornton zufolge hat diese extrem hohe Zahl potentiell dramatische Auswirkungen auf die US-Handelsbilanzen - und könnte dem produzierenden Gewerbe, Einzelhändlern, Großhändlern/Vertriebsorganisationen und Dienstleistern in den USA „sehr erheblichen“ Auftrieb geben.

Konkrete Pläne

Als Beleg für seine Untersuchungsergebnisse verweist Grant Thornton auf konkrete Pläne der Unternehmen zur Förderung der inländischen Produktion und führt an, dass etwa General Electric seit 2012 in zwei neuen Montagestraßen in Kentucky wieder Wasserboiler und Kühlgeräte fertigt. Apple seinerseits investiert USD 100 Mio. in den Aufbau eines Mac-Werkes in den USA.7 Und Wal-Mart gab 2013 an, es werde verstärkt in den USA gefertigte Produkte kaufen: innerhalb der nächsten 10 Jahre im Gegenwert von USD 50 Mrd. (ca. USD 5 Mrd. pro Jahr).8

Die Meinungen darüber, in welchem Maße die inländischen Wirtschaften bzw. der breitere Investmentmarkt von den Rückverlagerungen profitieren könnten, sind nach wie vor geteilt. Die direkten Vorteile für den Aktienmarkt sind vermutlich begrenzt. Aber eine industrielle Renaissance würde der britischen Wirtschaft sicher sehr helfen, und Rückverlagerungen können einen Beitrag zu dieser Wiederbelebung leisten.

Aus Sicht der einzelnen Länder sind Rückverlagerungen vermutlich besonders für die USA vorteilhaft, weil die Energiekosten für die dortige Wirtschaft infolge der Schiefergasproduktion niedrig sind. Dieser Kostenvorteil sowie die günstigeren Transporte zu den heimischen Absatzmärkten könnten einen Großteil der höheren Arbeitskosten auffangen. Besonders stark kommt dies dort zum Tragen, wo Energie- und Transportkosten einen hohen Anteil am Umsatz ausmachen, also etwa in der Chemie- oder der Schwerindustrie.

Zumindest aber scheint der Rückverlagerungstrend in Ländern wie Großbritannien und den USA dringend benötigte Arbeitsplätze zu schaffen. Längerfristig könnten dadurch auch neue Anlagechancen entstehen und Wirtschaften mit dominanten Dienstleistungssektoren wie z.B. Großbritannien sogar dabei helfen, ihre Inlandsproduktion zu stärken und für effizientere Logistikprozesse zu sorgen. Die Zeit wird es lehren.

Wichtige Termine 2014

  • Q4. Herbstprognose der britischen Regierung.
  • Zwischenwahlen in den USA im November.
  • Veröffentlichung der endgültigen monatlichen Arbeitsmarktstatistiken für die USA und Großbritannien im Dezember.
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