Von den schönen Seiten des Wahlkampfs (Archived)

Vor den USA liegt ein Jahr politischer Unsicherheit, das sowohl auf Branchen- als auch auf Unternehmensebene Gewinner und Verlierer hervorbringen wird. Im Folgenden beschäftigen wir uns mit einigen Sektoren, die vermutlich unter Druck geraten werden, und gehen außerdem der Frage nach, welche Probleme das aktuelle politische und wirtschaftliche Umfeld für Investoren mit sich bringen kann.

Der Ausgang der im November 2016 anstehenden US-Präsidentschaftswahl lässt sich zwar nicht vorhersagen, doch einige Analysten werden Ihnen glauben machen wollen, dass die Aussichten für die Märkte in diesem politisch so entscheidenden Jahr alles andere als unberechenbar sind.

Sie werden Ihnen beispielsweise versichern, dass uns die Vergangenheit lehrt, dass die Aktienkurse im vierten Jahr einer Präsidentschaft ansteigen. Ökonomie-Professor Marshall Nickles von der Pepperdine University hat diese Theorie 2004 in seiner Publikation „Präsidentschaftswahlen und Aktienmarktzyklen“ dargelegt. Darin erläutert er, dass alle gravierenden Kursrückgänge an den Aktienmärkten zwischen 1941 und 2000 in den ersten beiden Jahren einer vier Jahre dauernden Präsidentschaft auftraten. Im vierten Amtsjahr hingegen waren keine bedeutenden Kursverluste zu verzeichnen.1

In den letzten 20 Jahren war der Wahlausgang stets sehr knapp, so dass die entsprechenden Wahlen durchaus auch ganz anders hätten ausgehen können. Deshalb ist es schwierig, den Gewinner und den Verlierer vorherzusagen, denn diese hängen von den politischen Machtverhältnissen in Washington sowie insbesondere davon ab, ob eine einzige Partei sowohl den Präsidenten stellt als auch den Kongress kontrolliert.

Es gibt allerdings einige Marktsegmente, die unserer Meinung nach auf jeden Fall profitieren werden – und zwar unabhängig davon, wer letztlich ins Weiße Haus gewählt wird. Der Hauptgrund dafür ist der Fokus auf die Wähler der Mittelschicht. Entscheidende Themen könnten in diesem Zusammenhang die Infrastrukturausgaben, das Gesundheitswesen, die Finanzbranche sowie die Rüstungsausgaben sein. Medienfirmen dürften ebenfalls zu den Nutznießern gehören, weil man versuchen wird, sowohl die negativen als auch die positiven Äußerungen der Kandidaten, die bei den Wählern der Mittelschicht gut ankommen, medial zu präsentieren. Und dafür wird man vermutlich viel Geld in die Hand nehmen.

Infrastrukturausgaben

Die Menschen mögen es, wenn Probleme gelöst werden. Ein zentraler Aspekt von Nickles Studie ist der Umstand, dass Regierungen gute Gründe haben, die Konjunktur im Vorfeld einer Wahl anzukurbeln, weil die regierende Partei natürlich bestrebt ist, ihre Wähler zu mobilisieren und ihre Amtszeit zu verlängern.

Im Vorfeld der letzten Präsidentschaftswahl war das „Highway Spending Bill“ in aller Munde, das darauf abzielte, die marode Infrastruktur des Landes durch die Finanzierung von Straßen, Brücken und öffentlichen Verkehrsmitteln zu sanieren. Der Gesetzentwurf sah einen 6-Jahres-Entwicklungsplan vor, der den wiederholten Zwischenfinanzierungen endlich ein Ende gesetzt hätte.2 Anstatt den Kongress zu zwingen, wirklich konkrete Finanzierungsentscheidungen zu treffen, hat sich die Politik mit diesen provisorischen Maßnahmen ein bisschen mehr Zeit verschafft. Falls dieser Gesetzentwurf noch vor der Wahl den Kongress passieren sollte, so wäre dies ein Segen für die Wirtschaft – allen voran für sämtliche Produzenten und Bauunternehmen aus den Sparten Wohn- und Gewerbeimmobilienbau.

Da der Kampf um die Gunst der Wähler allmählich Fahrt aufnimmt, besteht durchaus die Möglichkeit, dass noch weitere Ausgabenerhöhungen beschlossen werden. So könnte den Rüstungsausgaben beispielsweise die aktuelle Debatte über eine Schuldenobergrenze zugute kommen. Da Republikaner und Demokraten aber dazu neigen, sich niemals einig zu sein, halten wir die Aussichten auf höhere Ausgaben außerhalb der Segmente Rüstung und Infrastruktur für lediglich begrenzt.

Negative Rhetorik

Einer Sache können wir uns aber sicher sein: Der langsam anlaufende Wahlkampf wird sowohl von Seiten der Demokraten als auch der Republikaner jede Menge negativer Rhetorik zu den Wall Street-Banken mit sich bringen. So wird beispielsweise bereits jetzt darüber diskutiert, ob man die Dividenden, welche die Mitgliedsbanken von der US-Notenbank erhalten, zur Finanzierung des „Highway Bill“ nicht reduzieren sollte. Diese Bankinstitute sind „leichte Ziele“, da sie von einem Großteil der Wähler immer noch als Verursacher der Finanzkrise angesehen werden.

Darüber hinaus werden die Demokraten versuchen, den Spielraum von Pharmakonzernen im Hinblick auf Preiserhöhungen einzuschränken. Welche Auswirkungen solche Äußerungen haben können, ließ sich bereits zuletzt beobachten. So brachen die Aktienkurse von Biotechnologieaktien am 21. September 2015 massiv ein, nachdem Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton getwittert hatte, dass sie die Zuzahlungen chronisch kranker Patienten zu verschreibungspflichtigen Medikamente begrenzen wolle. Ihre Äußerungen bedeuteten für den Biotechnologiesektor einen Wertverlust von insgesamt über 38 Mrd. US-Dollar.3

Medienausgaben

Auch andere Dinge können wir mit einer gewissen Überzeugung vorhersagen. So hat die Medienbranche in der Vergangenheit stets von Präsidentschaftswahlen profitiert, und wir gehen davon aus, dass die Ausgaben für Wahlkampfwerbung auch im nächsten Jahr wieder auf Rekordniveau liegen werden.

Den Medienwissenschaftlern von Borrell Associates zufolge rechnet man damit, dass die Kandidaten und ihre Wahlkampfteams in diesem Jahr 11,4 Mrd. US-Dollar ausgeben werden. Im Vergleich zur letzten Präsidentschaftswahl im Jahr 2012 entspricht dies einem Plus von 20%.4 Davon dürften zwar 6 Mrd. US-Dollar auf das TV-Segment entfallen, aber auch digitale Medien gewinnen zunehmend an Bedeutung. So erwartet man, dass die Ausgaben in diesem Bereich in diesem Wahlkampf erstmals bei über 1 Mrd. US-Dollar liegen werden.5

Die Werbeausgaben werden zwar hoch sein, dürften aber trotzdem lediglich geringe Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft haben. Schließlich werden die Medienausgaben stärker durch die Wirtschaftslage bestimmt als andersherum. Der tatsächliche Effekt des Ankurbelungspakets von 2009 in Höhe von 700 Mrd. US-Dollar auf die 16 Bio. US-Dollar schwere amerikanische Wirtschaft ist nach wie vor umstritten. 11,4 Mrd. US-Dollar klingen zwar nach viel Geld, aber im Gesamtzusammenhang betrachtet könnte diese Summe lediglich geringfügige Auswirkungen auf das BIP haben.

Anlagechancen am Markt

Auf lange Sicht sind wir für die US-Wirtschaft sowie den amerikanischen Aktienmarkt zuversichtlich – obwohl wir davon ausgehen, dass die Präsidentschaftswahl sowie die Normalisierung des Zinsniveaus durch die US-Notenbank im kommenden Jahr für beträchtliche Wertschwankungen sorgen werden.

Aktienstrategien, die auf Dividendenerträge setzen, sollten angesichts dieser Lage Vorteile bieten. So ist die 2,2%-ige Rendite des S&P 500-Index im Vergleich zu den weltweiten Anleihenrenditen attraktiv – und üblicherweise steigen die Dividenden langfristig sogar an. Bei höher rentierlichen Aktien dient diese Zusatzrendite als Puffer, der die Erträge bei einer Seit- oder Abwärtstendenz des Marktes schützt. Gleichzeitig sind Dividenden aber auch starke Renditetreiber. Angesichts einer in vielen etablierten Volkswirtschaften immer älter werdenden Bevölkerung erwarten wir, dass die Nachfrage nach laufenden Einnahmen hoch bleiben wird. Darauf werden die Unternehmen dann unserer Einschätzung nach mit steigenden Dividenden reagieren.

Allerdings sind nicht alle Dividendenstrategien gleich, denn das Bewertungsniveau spielt ebenfalls eine Rolle. Einige hoch rentierliche Sektoren, deren Tendenz in etwa der von Anleihen entspricht (wie zum Beispiel Versorger), sind zurzeit hoch bewertet, bieten ein lediglich begrenztes Gewinnwachstumspotenzial und reagieren auf steigende Zinsen empfindlich. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich der Aktienmarkt insgesamt bei steigenden Zinsen nicht schlecht entwickelt. Es sind dann nämlich eher anleihenähnliche Titel (wie etwa Versorgeraktien), die oft enttäuschen.

Andererseits könnten unserer Einschätzung nach Finanzwerte attraktive Anlagechancen bieten. Aktuell herrscht in Bezug auf Finanztitel (und zwar auch auf solche, die nicht nur eine „negative Rhetorik“ gefährdet sind) große Skepsis. Allerdings sind diese Unternehmen derzeit in einem so guten Zustand wie seit vielen Jahren nicht mehr.

So weisen Banken beispielsweise aktuell mit die besten Kreditquoten und höchsten Kapitalreserven seit der Finanzkrise auf. Im Laufe des Jahres werden diese Institute unserer Meinung nach außerdem von steigenden Zinsen profitieren. Deshalb könnten Finanztitel günstig positioniert sein, um ihre Dividenden auf Dauer anzuheben.

WORAUF MAN ACHTEN SOLLTE

  • Die Präsidentschaftswahl wird dazu führen, dass die Unsicherheit bis November hoch bleibt.
  • Negative Äußerungen im Zusammenhang mit Investmentbanken und Pharmakonzernen könnten sich in deren Aktienkursen widerspiegeln.
  • Wir erwarten größere Bewertungsdifferenzen auf Einzeltitelebene sowie einen Anstieg der Volatilität.

1.Graziadio Business Review: „Presidential Elections and Stock Market Cycles“, 2004.
2.Bloomberg: „Senate Sends Latest Stopgap U.S. Highway Funding Bill to Obama“, 30. Juli 2015.
3.Financial Times: „Biotech stocks fall further as Hilary Clinton unveils drug policy“, 22. September 2015.
4.Borrell Associates: „2015 to 2016 Political Advertising Outlook“, August 2015.
5.Ibid.

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