Unkonventionelle Maßnahmen (Archiv )

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise prägen radikale geldmarktpolitische Ankurbelungsprogramme die Märkte. Von Europa über die USA und Japan bis nach Großbritannien haben die Notenbanken Billionen Dollar in das Finanzsystem gepumpt, um so die schwächelnden Volkswirtschaften neu zu beleben und die Gefahr einer Deflation abzuwehren.

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Eine der Regionen, die aber einen anderen Kurs eingeschlagen und sich geweigert hat, ähnliche konjunkturfördernde Maßnahmen zu ergreifen, war Asien. Und obwohl auf die dortigen Volkswirtschaften in den nächsten 12 Monaten große Herausforderungen zukommen, wird sich daran wohl auch 2016 nichts ändern.

„Eine quantitative Lockerung ist für die meisten asiatischen Länder keine realistische Option, selbst wenn sie eigentlich notwendig wäre“, so Douglas Reed, Schwellenländer-Stratege bei Newton. „Jede Art von expansiver Geldmarktpolitik würde von den globalen Kapitalmärkten wahrscheinlich als negativ eingestuft werden. Und falls der US-Dollar so stark bleiben sollte, wären die meisten asiatischen Staaten auf keinen Fall in der Lage, auf monetärer Ebene wirklich grundlegend etwas zu ändern. Schließlich müssen diese Staaten ja auch berücksichtigen, welche Auswirkungen derartige Maßnahmen auf ihre eigenen Währungen hätten.“

Seit der Asien-Krise der Jahre 1997 und 1998 haben die Regierungen innerhalb der Region die Aufnahme von US-Dollar-Krediten gedrosselt und verstärkt an ihren lokalen Rentenmärkten Anleihen begeben. Allerdings sind diese Länder durch die Flut ausländischen Geldes, das in den letzten Jahren in diese Staaten gepumpt worden ist, für die Launen internationaler Investoren – die ihr Kapital in turbulenten Zeiten nur allzu schnell abziehen – dadurch auch anfällig geworden. Im Jahr 2015 tendierten die asiatischen Währungen schwankend, und einige von ihnen werteten sogar deutlich ab. Dabei gerieten vor allem rohstoffexportierende Staaten unter Druck. So fielen die Indonesische Rupie und der Malaysische Ringgit gegenüber dem US-Dollar auf ihr niedrigstes Niveau seit fast zwei Jahrzehnten.1

Die hohen internationalen Investments, die einige asiatische Märkte für Staatsanleihen – allen voran Indonesien und Malaysia – zuletzt verbuchten, haben dazu geführt, dass diese Börsenplätze äußerst sensitiv darauf reagieren, wie Anleger deren finanzielle Lage beurteilen. Deshalb sind diese Länder natürlich bestrebt, die Kapitalmärkte nicht zu enttäuschen. Falls der Aufwärtstrend des US-Dollar anhalten und die asiatischen Währungen weiter abwerten sollten, besteht also die Gefahr, dass die Investoren Kapital aus diesen Märkten abziehen, wodurch die Kreditkosten ansteigen könnten. Dies aber würde letzten Endes jegliche Zinserhöhung blockieren.

Allerdings dürfte es selbst jenen asiatischen Staaten, die über relativ gute externe Bilanzen verfügen und nicht so stark auf den Rohstoffsektor ausgerichtet sind, schwerfallen, geldmarktpolitische Ankurbelungsmaßnahmen umzusetzen. Laut Reed ist dies in erster Linie auf die hohe Verschuldung der Unternehmen sowie der Privathaushalte in diesen Ländern zurückzuführen.

„Einige Staaten wie etwa Thailand weisen zwar eine niedrige Inflation und stabile externe Bilanzen auf, doch oftmals ist der Kreditzyklus in diesen Ländern bereits weit fortgeschritten. Deshalb sorgt man sich, wie hoch die Verschuldung in diesen Volkswirtschaften dann tatsächlich ist“, führt er aus.

In Singapur, Südkorea und Malaysia ist die Verschuldung der Privathaushalte gemessen als Anteil an den verfügbaren Einkommen zurzeit höher als in den USA vor der Finanzkrise2. Diese Länder dürften sich also davor hüten, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, die einen weiteren Anstieg der Verschuldung noch fördern würden.

Rückschlagrisiken oder was?

Aus diesem Grund verfügen die asiatischen Staaten lediglich über einen begrenzten Handlungsspielraum, zumal die Exporte momentan ebenso sinken wie das Wirtschaftswachstum. So rechnet der IWF in diesem Jahr mit einer Wachstumsrate von 5,4%, die er zwar als „robust“ bezeichnet, gleichzeitig aber auch darauf hinweist, dass „das Wachstum nachlässt und ernste Rückschlagrisiken bestehen“. 3

Diese Risiken sind die gleichen, die bereits 2015 Wertschwankungen ausgelöst haben. So beschäftigen die Auswirkungen steigender US-Zinsen, ein unerwartet deutlicher Konjunkturabschwung in China sowie der Rückgang des Welthandels die Marktteilnehmer auch weiterhin.

Was die umstrittene Frage des US-Zinsniveaus betrifft, so geht Reed davon aus, dass die Folgen einer Zinsanhebung auf die Börsenplätze und Volkswirtschaften Asiens wirklich so gravierend sein werden wie derzeit jeder befürchtet. „Für uns ist aber klar, dass die Zinsen wegen des fehlenden Inflationsdrucks in den USA sowie aufgrund des deflationären Effekts eines steigenden US-Dollar nur sehr langsam nach oben klettern werden“, erklärt er.

Auch für das Wirtschaftswachstum Chinas bleibt er zuversichtlich. „Meiner Einschätzung nach wird es den chinesischen Behörden letztlich gelingen, das Wachstum etwas zu stabilisieren. So wird die Konjunktur zwar wohl weiter an Fahrt verlieren, sich aber nur schrittweise abschwächen.“ Im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern, die eine anhaltende Schwäche ihrer Währungen befürchten, erwartet Reed, dass man den Renminbi gegenüber dem US-Dollar im nächsten Jahr um bis zu 5% abwerten lassen wird. Schließlich beabsichtigt die People’s Bank of China, den Wechselkurs des Renminbi immer stärker von den Marktkräften bestimmen zu lassen.

Wachstum ankurbeln

Obwohl die asiatischen Länder aktuell nicht in der Lage sind, dieselben quantitativen Lockerungsmaßnahmen zu ergreifen, die in Japan, Europa und den USA umgesetzt wurden, sind die Regierungen innerhalb der Region jedoch keineswegs ohnmächtig. Angesichts ihrer immer noch sehr soliden internationalen Devisenreserven verfügt die Zentralbank Chinas beispielsweise nach wie vor über große geldmarktpolitische Flexibilität. Die Zinsen liegen weiterhin deutlich über 0%, und auch der hohe Mindestreservesatz (also der Vermögensanteil, den eine Bank in Form von Depositen bei der Zentralbank hinterlegen muss) kann bei Bedarf noch deutlich gesenkt werden, so Reed.

Darüber hinaus hat die Zentralbank eine Reihe weiterer monetärer Instrumente entwickelt, um die Liquidität im Inland ebenso zu erhöhen wie die Verfügbarkeit von Krediten. Das sogenannte „Pledged Supplementary Lending Scheme“, das im letzten Jahr eingeführt worden ist, stellt hauptsächlich den chinesischen Entwicklungsbanken langfristige und preisgünstige Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Diese Gelder können dann als Kredite für Projekte vergeben werden, die der Staat fördern möchte. Dabei handelt es sich in erster Linie um Infrastrukturprogramme. Durch eine solche indirekte Finanzierung wird verhindert, dass die Staatsverschuldung ansteigt.

Die Rekapitalisierung der beiden größten Entwicklungsbanken des Landes, der China Development Bank und der Export-Import Bank of China, welche die Zentralbank zu Beginn dieses Jahres mit Hilfe internationaler Devisenreserven vorgenommen hatte, zielt allerdings in eine andere Richtung. „Da die Zentralbank-Bilanz dadurch nicht unmittelbar ausgeweitet worden ist, kann man diese Maßnahmen auch nicht als quantitative Lockerung einstufen. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Art quasi-fiskalischen Schritt“, führt Reed aus.

Darüber hinaus hat sich der Staat bemüht, die steigenden Kosten für die nur schwer in den Griff zu bekommende Verschuldung der Kommunen einzudämmen. So hat Peking den Lokalregierungen gestattet, ihre Verbindlichkeiten in Form von Kommunalobligationen zu restrukturieren. Gleichzeitig hat man die Banken ermutigt, diese Papiere zu erwerben. Im Juni wurde dieses Umschuldungsprogramm dann von ursprünglich angestrebten 1 Bio. Renminbi pro Jahr auf 2 Bio. Renminbi und später dann sogar auf 3,2 Bio. Renminbi ausgeweitet.4 Obwohl sich die Asset-Qualität der Banken dadurch verbessern wird, dürften diese Maßnahmen allerdings auch dazu führen, dass die Gewinne von Handelsbanken sinken werden. Schließlich verlangt man von diesen Instituten, dass sie höher rentierliche Kredite in Anleihen mit geringeren Renditen umtauschen.

In einigen anderen asiatischen Ländern sind ebenfalls unkonventionelle Maßnahmen zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur umgesetzt worden – ein Trend, der sich 2016 fortsetzen könnte. So hat beispielsweise die thailändische Regierung ein Paket geschnürt, das Bauern sowie kleineren und mittelständischen Unternehmen Zugang zu günstigen Krediten verschafft.

Transpazifische Partnerschaft

Das Handelsabkommen zwischen den USA, Japan und anderen Pazifik-Anrainerstaaten, das zurzeit ausgehandelt wird – die Transpazifische Partnerschaft (TPP) – könnte in den nächsten Jahren grundlegende Veränderungen innerhalb der Region zur Folge haben. Allerdings wird es noch einige Zeit dauern, bis dieses Abkommen unterschriftsreif ist. „Ich rechne jedenfalls erst 2017 damit“, so Reed.

Die wichtigsten Länder innerhalb der Region, die sich der TPP angeschlossen haben, waren bisher zwar vor allem Vietnam und Malaysia, aber mittlerweile ist auch Südkorea in Aufnahmeverhandlungen eingetreten. Darüber hinaus geht Reed davon aus, dass China sowie weitere Staaten dem Beispiel dieser Staaten folgen werden. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass sie sich dabei gegen den Widerstand von Interessengruppen durchsetzen müssen, die durch den Wegfall protektionistischer Barrieren benachteiligt werden könnten.

„Ganz grundsätzlich werden sich die Staaten dem Abkommen anschließen wollen, weil sie die Vorteile einer solchen Handelspartnerschaft sehen. Allerdings wird es innerhalb der einzelnen Länder auch Gruppen geben, die durch den Abbau von Handelsbarrieren benachteiligt werden. So könnten beispielsweise Ängste vor einem Abbau von Arbeitsplätzen aufkommen. Falls das Abkommen aber wirklich in Kraft treten sollte, werden viele Staaten meiner Meinung nach aber letztlich doch mit dabei sein wollen, einfach um nicht abgehängt zu werden.“

WORAUF MAN ACHTEN SOLLTE

  • Man geht davon aus, dass die Exporte sowie das Wirtschaftswachstum in der Region weiter sinken werden. So rechnet der IWF für dieses Jahr mit einer Wachstumsrate von 5,4%.
  • Man erwartet zwar keine quantitativen Lockerungsmaßnahmen, geht aber noch von einer weiteren Lockerung der Geldmarktpolitik in China aus.
  • Vermutlich werden sich noch weitere Staaten der Transpazifischen Partnerschaft anschließen.

1.The Economist: „Running out of puff“, 3. Oktober 2015.
2.Deloitte University Press: „Prudent no more“, 1. Juli 2015.
3.Internationaler Währungsfonds: „Regional Economic Outlook Update Asia and Pacific Department“, Oktober 2015.
4.CNBC: „China expands debt-for-bond swap plan to 3.2 trillion yuan: Xinhua“, 27. August 2015.

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