Iain Stewart von Newton zu den Märchen der Zentralbanken (Archivé)

„Es überrascht uns, dass die Glaubwürdigkeit der Notenbanken dadurch, dass sie die Auswirkungen ihrer politischen Maßnahmen auf die Realwirtschaft fortwährend überschätzen, bisher offenbar noch keinen Schaden genommen hat. Die monetären Entscheidungsträger scheinen die Märkte also buchstäblich in ihren Bann gezogen zu haben, denn die Anleger gehen davon aus, dass die Notenbanken die Asset-Preise unter allen Umständen stützen werden“, erklärt er.

Central Bank Fairy Tales

Vor diesem Hintergrund können alle Nachrichten eine Zeit lang gute Nachrichten sein, wohingegen man schlechte Nachrichten wahrscheinlich lediglich als Katalysator für weitere Interventionen einstufen wird, fügt Stewart hinzu.

Die Anleihenmärkte

Man kann die jüngste Phase der geldmarktpolitischen Lockerung mit einer Szene aus Alice im Wunderland vergleichen, führt er aus. So haben sich die niedrigen Zinsen zunächst in eine Nullzinspolitik und mittlerweile sogar in ein negatives Zinsumfeld verwandelt.

Eine derartige „Abschaffung“ von Zinsen bzw. die Einführung von Strafgebühren auf Bareinlagen führen laut Stewart über die gesamte Zinskurve hinweg sowie bei den „Risiko-Spreads“ zu Verzerrungen.

Aktuelle Zahlen der Deutschen Bank belegen, wie weit verbreitet negative Zinsen mittlerweile bereits sind. So weisen zum jetzigen Zeitpunkt etwa 24% aller Staatsanleihen aus der Eurozone eine negative laufende Verzinsung auf. Und inzwischen gehen die Anleger sogar so weit, einem Unternehmen wie Nestlé Geld dafür zu zahlen, damit sie ihre liquiden Mittel dort drei Jahre lang investieren dürfen (die Renditen 3-jähriger Nestlé-Anleihen haben am 3. Februar ins Minus gedreht)1.

Die Aktienmärkte

An den Aktienmärkten rufen quantitative Lockerungsmaßnahmen mittlerweile eine Art Pawlow’scher Reaktion hervor, fährt Stewart fort: „In den USA sowie in Japan verbindet man die offiziellen Anleihenkäufe mit steigenden Aktienkursen. Auch in Europa hat die Ankündigung quantitativer Lockerungsmaßnahmen einen deutlichen Anstieg der Aktienmärkte ausgelöst, und zwar noch bevor überhaupt eine einzige Anleihe erworben wurde. Und das, obwohl die Entscheidung zugunsten von Anleihenkäufen als Ankurbelungsinstrument (denn die Anleihenrenditen lagen seinerzeit ja bereits auf dem niedrigsten Niveau aller Zeiten) nicht gerade ein Vertrauensbeweis für die Widerstandskraft der Wirtschaft des Euroraums oder die Fähigkeit der Notenbank ist, dieser Schwäche entgegenzuwirken.“

Nach Einschätzung von Stewart haben die Aktienmärkte viel mit dem Märchen vom Rattenfänger von Hameln gemeinsam, denn die Anleger tanzen mehr oder weniger nach der Pfeife der Notenbank.

„Aber was könnte die Bereitschaft der Investoren, den Währungshütern blind zu folgen, auf die Probe stellen? Vielleicht der Umstand, dass die Flötenspieler in diesem zeitgenössischen Märchen selbst immer unsicherer werden, wohin sie ihr Weg überhaupt führt.“

Realitäts-Check

Die Tatsache, dass die monetären Entscheidungsträger bei eben diesen Notenbanken offenbar zunehmend mit sich hadern, ob, wann und wie man die Geldmarktpolitik wieder normalisieren sollte, stützt diese Auffassung. Laut Stewart zeigt die Rede, die US-Notenbankchefin Janet Yellen nach der entsprechenden Ankündigung des Offenmarktausschusses der Fed im März gehalten hat, wie stark sich die Währungshüter immer noch an die Wachstumserwartungen gebunden fühlen.

So hatte Yellen seinerzeit erklärt: „Die konkrete geldmarktpolitische Entwicklung wird davon abhängig sein, wie sich das wirtschaftliche Umfeld entwickelt. So könnte ein Straffen der Geldmarktpolitik unter Berücksichtigung der tatsächlichen sowie der erwarteten Trends der realen Wirtschaftsaktivitäten sowie der Inflation beschleunigt, verlangsamt, unterbrochen oder sogar zurückgenommen werden.“2

Besonders bemerkenswert ist diese Äußerung auch deshalb, weil die US-Wirtschaft innerhalb des aktuellen Zyklus ja den Anstoß für die unorthodoxe Geldmarktpolitik gegeben hat. Und schließlich hat die monetäre Strategie auch jene Ergebnisse zur Folge gehabt, die man ganz allgemein als Erfolge bezeichnen würde, so Stewart.

Trotzdem wird der Umstand, dass es trotz der geldmarktpolitischen Maßnahmen nicht gelungen ist, die angestrebten Ziele zu erreichen, seiner Einschätzung nach nicht zu einem Umdenken führen. „Bisher hatten Enttäuschungen immer nur weitere Interventionen seitens der geldmarktpolitischen Institutionen zur Folge, und wir gehen davon aus, dass dieser Trend anhalten wird.“

Er weist darauf hin, dass die beeindruckenden Erträge, die in den letzten Jahren in diversen Anlageklassen erzielt worden sind, mit immer größeren Risiken für die Anleger einhergegangen sind und außerdem dazu geführt haben, dass viele Märkte inzwischen einen teuren Eindruck machen.

„Anleger, die ein hohes Bewertungsniveau in Kauf nehmen, erwarten entweder einen kräftigen Anstieg der Gewinne und/oder benötigen ihrer Auffassung nach angesichts des aktuellen Umfelds, in dem die Notenbanken die Asset-Preise ja augenscheinlich stützen, eine geringere Kompensation für das Risiko. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Anleger letztlich in beiderlei Hinsicht enttäuscht werden. Es ist schwer, als Investor Geduld zu bewahren, wenn der Staat einen dazu ermutigt, Risiken einzugehen. Aber wir müssen es zumindest versuchen. Es mangelt nach wie vor nicht an guten Anlageideen, sondern lediglich an attraktiven Anlagechancen“, schließt er.

1.Financial Times, 3. Februar 2015
2. „Normalising monetary policy: prospects and perspectives“, Janet L. Yellen, 27. März 2015

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