Das japanische Produktivitäts-Paradoxon (Archiv )

Von Simon Cox, Bny Mellon Investmetn Management Asia Pacific

Einst galt Japan als Schmelztiegel für ausgefeilte Strategien zur Produktivitätssteigerung. Mittlerweile verbindet man mit Japan aber eher eine immer älter werdende Gesellschaft sowie eine hartnäckig mäßige Inflationstendenz. Die jüngsten Reformen von Premierminister Shinzo Abe könnten dies jedoch ändern.

Produktivität – also mit immer weniger immer mehr zu erreichen – ist die letztendliche Quelle des Wohlstands. Dies gilt insbesondere für Japan. Da die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, hängt der wirtschaftliche Fortschritt dieses Landes davon ab, mit den verbleibenden Arbeitskräften das Maximum zu erreichen. Für die Jünger der Produktivität stellt Japan jedoch ein Paradoxon dar, denn das Land ist sowohl innovativ als auch rückwärtsgewandt, gleichzeitig sowohl zukunftsorientiert als auch nostalgisch. Zudem vereint Japan eine beeindruckende Innovationskraft mit einer rätselhaften Trägheit. So sind die Japaner einerseits offen für Neues, geben Altbewährtes aber nie wirklich auf. Ein klassisches Beispiel dafür ist natürlich das Faxgerät, das in Japan immer noch weit verbreitet ist und intensiv genutzt wird, während es anderswo eher als Auslaufmodell betrachtet wird.1

Im September gab der japanische Premierminister Shinzo Abe das ehrgeizige Ziel bekannt, das nominale BIP Japans um etwa 20% zu steigern.2 Dabei handelte es sich um einen von drei neuen „Pfeilen“ der „Abenomics“, seiner Kampagne zur Wiederbelebung der japanischen Wirtschaft. Diese Initiativen sollen die ursprünglichen „Pfeile“ in Gestalt geldmarktpolitischer Ankurbelungsmaßnahmen, einer pragmatischen Haushaltspolitik und struktureller Reformen ergänzen. Um dieses Wachstum aber wirklich zu erreichen, muss Japan die Deflation bekämpfen und verhindern, dass die Zahl der Arbeitskräfte zu schnell sinkt. Außerdem muss die Arbeitsproduktivität (also das BIP pro Erwerbstätigem) um rund 2% pro Jahr erhöht werden.3

Aber wie realistisch ist dies in einem Land wie Japan? Zu ihren Glanzzeiten widmeten sich japanische Produzenten mit fast schon religiösem Eifer der Steigerung ihrer Produktivität („Kaizen“). Sie erfanden neue Produktionsmethoden, organisierten die Arbeitskräfte in eng kooperierenden Teams und gaben diesen dann die Möglichkeit (sowie entsprechende Anreize), jeden kleinen Fehler und sämtliche Ineffizienzen im Herstellungsprozess „auszubügeln“. In den letzten Jahrzehnten ist Japan außerdem zur selbst ernannten „Robotik-Supermacht“ aufgestiegen, denn laut eines Berichts des „Headquarter for Japan’s Economic Revitalization“ ist dort mit rund 300.000 Stück fast ein Viertel aller Industrieroboter weltweit im Einsatz.4 In einigen japanischen Fabriken produzieren hoch entwickelte Maschinen am laufenden Band Güter, und kaum ein Mitarbeiter ist noch direkt in diesen Prozess involviert. Trotzdem ist die Arbeitsproduktivität Japans – wenn man die gesamte Volkswirtschaft betrachtet – aber überraschend niedrig.

Die „Asian Productivity Organization“ (deren Sitz sich bezeichnenderweise in Japan befindet), hat errechnet, dass das japanische BIP pro Erwerbstätigem lediglich zwei Dritteln des US-Niveaus entspricht.5 Noch schlimmer ist aber, dass es ganze 20% niedriger ist als die entsprechende Zahl in Taiwan – eine jener „Fluggänse“, die einst im Windschatten Japans mitgerissen wurden (um die berühmte Metapher des japanischen Volkswirts Akamatsu Kaname aus den 1930er Jahren zu verwenden). Dieser Abstand gegenüber Taiwan beruht auf den langen Arbeitswochen im Inselstaat. Doch selbst unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde schneidet Japan sowohl im Vergleich zu Taiwan als auch gegenüber den meisten westeuropäischen Ländern schlechter ab – von Amerika und Singapur ganz zu schweigen (siehe Grafik 1).

Schaut man sich lediglich die Zahlen an, so sind sie schlicht frustrierend. Es gibt aber auch einen ermutigenden Aspekt. Da die Produktivität in Japan derzeit so niedrig ist, besteht noch beträchtlicher Spielraum nach oben. Dabei sind die Fortschritte Japans nicht davon abhängig, in mühevoller Kleinarbeit das Rad immer wieder neu zu erfinden. Vielmehr kann die Produktivität gesteigert werden, indem einfach tief in die Trickkiste gegriffen wird und ein paar Kniffe angewendet werden, auf die andere Länder bereits vor Jahren gekommen sind. So könnte Japan beispielsweise sein GDP um 20% erhöhen, indem es lediglich die Produktivitätsentwicklung der EU-Gründungsmitglieder (d.h. der 15 EU-Staaten vor der Erweiterung im Mai 2004) nachvollzieht. Somit könnte Japan – das sich daran gewöhnt hat, der „Scharführer Asiens“ zu sein – eine Weile im Windschatten anderer Länder fliegen. Damit ist Japan zu einer nur noch „aufholenden“ Volkswirtschaft geworden.

Aber in welcher Hinsicht muss Japan aufholen? Üblicherweise verfügen Volkswirtschaften mit hoher Produktivität auch über beträchtliches humanes und physisches Kapital. Auf Japan trifft beides zu. Die japanischen Arbeitskräfte sind ungewöhnlich gut ausgebildet. So ist der Anteil der Universitäts- und Hochschulabsolventen von allen OECD-Staaten am dritthöchsten.6 Darüber hinaus belegten die 15-jährigen im Rahmen der PISA (Program for International Student  Assessment)-Studie, bei der die schulischen Leistungen in den einzelnen Ländern miteinander verglichen werden, im Jahr 2012 den dritten Platz.7 Es mangelt Japan also durchaus nicht an klugen Köpfen.

Es fehlt auch nicht an physischem Kapital. Laut APO ist der Kapitalkoeffizient in Japan mit 3,8 so hoch wie in keinem anderen asiatischen Staat. Im Vergleich dazu liegt diese Kennzahl in China (dem oftmals Überinvestitionen vorgeworfen werden) bei 3,1 sowie in Taiwan bei 2,9. Darüber hinaus investieren japanische Unternehmen einen relativ großen Teil des BIP in den Bereich Forschung und Entwicklung. Von den OECD-Staaten investieren nur schwedische und israelische Firmen (gemessen an der Größe der entsprechenden Volkswirtschaften) mehr.

Japans Problem besteht also nicht in einem nur mäßigen Erfindergeist oder einem Horten von Kapital, sondern vielmehr in seiner Anpassungsfähigkeit. Es fehlt an schlagkräftigen Initiativen, um Unternehmen und Industriezweige zu restrukturieren, damit neue Technologien und frischer organisatorischer Wind auch optimal genutzt bzw. eingesetzt werden können. So haben japanische Firmen zum Beispiel viel Geld für Software ausgegeben.8 Laut Kyoji Fukao von der Universität Hitotsubashi und dessen Co-Autoren beschäftigen sie aber nach wie vor nicht entsprechend ausgebildete „Bürokräfte“, deren Informations- und Kommunikationstechnologien eigentlich überholt sind.9 Darüber hinaus investiert man in Japan der OECD zufolge aber auch zu wenig in andere Arten von „wissensbasiertem Kapital“ wie eine beispielsweise unternehmensspezifische Ausbildung, Marktresearch, Markenpflege und eine bessere Entscheidungsfindung auf Unternehmensebene.

Die OECD führt diese Trägheit zum Teil auf fehlenden Wettbewerb zurück. In der übertrieben streng regulierten Dienstleistungsbranche Japans werden die Firmen gegen jene Marktkräfte, die sie dazu zwingen würden, ihre Arbeitskräfte und ihr Kapital effektiver einzusetzen, abgeschottet. Bis vor kurzem hatten beispielsweise japanische Apotheken kaum mit Konkurrenz seitens Online-Anbietern zu kämpfen, da der Verkauf vieler rezeptfreier Medikamente im Internet aufsichtsrechtlich untersagt war. Diese Bestimmungen sind im Rahmen der schrittweisen Strukturreformen von Abe inzwischen jedoch größtenteils abgeschafft worden.

Ein fehlender Wettbewerbsdruck innerhalb der japanischen Wirtschaft könnte aber eine weniger entscheidende Rolle spielen als die unzureichende Nachfrage. So können japanische Unternehmen auch deshalb ihre Arbeitskräfte weiterhin auf unproduktive Art und Weise beschäftigen, weil es diesen an besseren Alternativen mangelt. Zwar ist die Arbeitslosigkeit in Japan laut offiziellen Statistiken niedrig, doch es gibt reichlich Belege dafür, dass Unterbeschäftigung – vor allem im japanischen Dienstleistungssektor – ein großes Problem darstellt. Jeder Japan-Reisende kennt die sogenannten „Aufzug-Damen“, die in den Foyers von Luxushotels die Gäste begrüßen, ebenso wie die „Verkehrsdirigenten“, die an jeder Straßenbaustelle stehen und Leuchtstäbe schwenken, um die Autofahrer vor der Gefahr zu warnen.10

Falls die Investitionsausgaben in Japan anziehen, die Wirtschaftsaktivitäten Fahrt aufnehmen und sich die Beschäftigungslage weiter verbessern sollten, dürften diese Arbeitskräfte aber interessantere und auch lukrativere Beschäftigungen finden. Dann müssten sich die japanischen Unternehmen an eine Welt ohne diese Art von Mitarbeitern gewöhnen – indem sie beispielsweise dieselben arbeitssparenden Technologien einsetzen, die in anderen Ländern bereits seit langer Zeit gang und gäbe sind.

Selbst wenn dies das Ende des von den Japanern so geliebten Faxgerätes bedeutet: In einer robusteren, durch die Nachfrage bestimmten japanischen Wirtschaft könnten sich die zusätzlichen Arbeitskräfte, die zur Bedienung von Maschinen sowie zur Bearbeitung von Faxen benötigt werden, irgendwann als wirklich kostspielig erweisen. Und falls diese Kosten dann an die Verbraucher weitergegeben werden, dürften selbst die größten Technik-Gegner letztlich doch noch den Online-Handel für sich entdecken.

1.The New York Times: „In High-Tech Japan, The Fax Machines Roll On“, 13. Februar 2013.
2.The Japan Times: „Abe aims arrows at new targets with three fresh goals for “Abenomics,” 20% rise in GDP“, 24. September 2015.
3.CAO: „Economic and Fiscal Projections for Medium to Long term Analysis“, 12. Februar 2015.
4.Meti: „Japan’s Robot Strategy“, 10. Februar 2015.
5.APO: „APO Productivity databook“, 2015.
6.OECD-Konjunkturumfrage, Japan April 2015.
7.OECD-Konjunkturumfrage, Japan April 2015.
8.OECD-Konjunkturumfrage, Japan April 2015.
9.IAO: „The Structural Causes of Japan’s Lost Decades“, herausgegeben am 17. November 2015.
10.Siehe „Bending Adversity“ von David Pilling.

Dies stellt keine Anlageberatung dar. Aufsichtsrechtliche Hinweise

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